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Klaus Licht

VERLEGEORT
Martin-Luther-Str. 37

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
23.02.2019

GEBOREN
19.10.1927 in Berlin
FLUCHT
27.12.1938 Kindertransport nach England
ÜBERLEBT
in Essex, England

Klaus wird am 19.10.1927 in Berlin geboren. Seine Eltern sind Dr. Ernst und Ilse Licht.
Er wächst in der Martin-Luther-Str. 90 ( heute Martin-Luther-Straße 37) auf, besucht von April 1934- April 1937 die 12. Volksschule in Berlin-Schöneberg (wahrscheinlich die 12. Volksschule für Jungen in der Hohenstaufenstr. 49).
Es ist davon auszugehen, dass er wie alle jüdischen Kinder in dieser Zeit Ausgrenzungen und Repressionen ausgesetzt war.
Ab April 1937 besucht er die Goldschmidtschule in Berlin Grunewald, Kronbergerstr. 24, eine jüdische Privatschule. Der Besuch einer höheren – staatlichen oder städtischen- Schule ist ihm untersagt.
Die Goldschmidt- Schule entstand am 1.5.1935 auf Initiative von Leonore Goldschmidt, die ab 1933 nur noch jüdische Kinder unterrichten durfte. Die Kinder empfanden diese Schule als „Oase des Friedens“, als Zufluchtsort. Hier waren sie vor der alltäglichen Drangsal geschützt. Hier wurden sie auch durch intensiven Englischunterricht auf das Exil vorbereitet.
Im Zuge der sich immer mehr verschärfenden Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung und unter dem Eindruck der eskalierenden Gewalt ab der Reichspogromnacht ringen sich seine Eltern dazu durch, Klaus mit einem Kindertransport nach England zu schicken, um ihn bei der Familie der Schwester des Vaters in Sicherheit zu bringen. Er ist damals gerade 11 Jahre alt. Am 27.12.1938 fährt er nach England und kommt am 30.12.1938 in London an. Dort lebt er fortan mit seiner Tante Alice, seinem Onkel Lutz und seinem zwei Jahre jüngeren Cousin Peter. Von Klaus und Peter gibt es ein sehr schönes Foto, das zeigt, wie sehr sie sich mögen. Im Februar 1939 stoßen zwei weitere Cousins von Peter zur Familie: Max und Klaus. Auch sie sind mit dem Kindertransport von Berlin nach England gekommen. Die Mutter von Max und Klaus – Grete- schafft es, im April 1939 nach England zu fliehen. Auch den Großeltern von Klaus - Dr. Saly und Clara Licht- gelingt noch im Mai 1939 die Flucht nach England. Die Familie lebt, bis auf Grete und ihre beiden Söhne Max und Klaus, die nach Oxford ziehen, zusammen in einem Haus in London. Häufig kommen andere Flüchtlinge aus Berlin zu Besuch.

Aus den Briefen, die Ilse – Klaus’ Mutter- im Gerichtsgefängnis Gelsenkirchen an ihren Mann schreibt, schreibt sie immer wieder über Klaus und die Familie in England. Ihr ganzes Denken und Hoffen kreist um ein Wiedervereintsein mit Mann und Sohn. Sie möchte, dass sie bei dem Wiedersehen so aussieht, wie er sie in Erinnerung hat. Von dem wenigen Schreibpapier, das ihr zur Verfügung steht, zweigt sie das eine oder andere Blatt ab, um ein paar Zeilen an ihre Familie in England zu schreiben. Ob diese Briefe auf dem direkten Weg oder über Umwege nach England kommen, ob sie überhaupt dorthin gelangt sind, ist nicht bekannt.

Klaus schreibt an einer Stelle (in den Entschädigungsakten): Seit dem Krieg habe er nichts mehr von seinen Eltern gehört.

Mit dem Leben in der Familie, mit seinen Großeltern, seiner Tante, seinem Onkel und Peter, mit der Liebe, die er dort erfährt, sowie mit dem Schulbesuch in England gibt es – so ist zu hoffen- für Klaus ein wenig Normalität inmitten des Verlustes und der Angst um seine Eltern.

Er besucht von Januar 1939- September 1940 die Wessex Garden School (eine englische Volksschule), von Oktober 1940 – August 1945 die Bideford Grammar School und
entschließt sich zum Militärdienst (August 1945- Mai 1948), da er nur dadurch Anspruch auf einen finanziellen Zuschuss für eine Ausbildung durch den englischen Staat hat. Klaus, bzw. Kenneth wie er sich später nennt, möchte Lehrer werden und nimmt dafür auch Umwege in Kauf. Wartezeiten für die Aufnahme ins College überbrückt er mit Hilfsarbeiten (Bergarbeiter, Hilfslehrer). Auch während seiner Lehrerausbildung arbeitet er immer wieder als Fabrikarbeiter, Bahnpolizist und als Büroangestellter, um sich etwas dazu zu verdienen, da der staatliche Zuschuss nicht ausreicht. Die erhaltene Ausbildung berechtigt ihn dazu an einer Grundschule zu lehren.
Ohne die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen hätte ihm höchstwahrscheinlich der Weg für eine akademische Ausbildung offen gestanden, die ihm aufgrund der unterbrochenen Schulbildung infolge der Flucht versagt geblieben ist.
Klaus/Kenneth teilt das Schicksal vieler geflüchteter Kinder und Jugendlicher: Der plötzliche, einschneidende Abschied von den Eltern, die Angst um sie, die lange Ungewissheit ihres Schicksals, der Schmerz der Gewissheit ihres endgültiges Verlustes, der Verlust alles Vertrauten, der Sprache, finanzielle Entbehrungen und die Notwendigkeit, sich völlig neu orientieren zu müssen, neue soziale Kontakte einzugehen und den Schulalltag zu bewältigen, stellen für diese Kinder und Jugendlichen eine große Herausforderung dar und sind nicht selten ein traumatisches Erlebnis, das ihre Integration erschwert und ihr Leben fortan prägt. Schulabschlüsse und Studiengänge bleiben versagt und Berufswünsche gehen nicht in Erfüllung.

Klaus/Kenneth schreibt an einer Stelle, dass er sich mit der Ausbildung zum Grundschullehrer begnügen musste. Aber er bildet sich fort, wird Sportlehrer und ist bis zu seiner Verrentung als Fachleiter für Sport an einer großen städtischen Sekundarschule auf Canvey Islands tätig. Bis ins hohe Alter -über sein 80. Lebensjahr hinaus - spielt er in einem Seniorenverein Rugby

1941 – im Alter von 14 Jahren- erfährt Klaus/Kenneth, dass sein Vater nicht mehr lebt. Nach 1945 lebt er noch lange in der Ungewissheit, ob seine Mutter überlebt hat. Noch 1953 schreibt er im Rahmen einer eidesstattlichen Versicherung für einen Entschädigungsantrag, dass seine Mutter verschollen sei.

Mitte Zwanzig lernt Klaus/Kenneth seine Frau kennen und gründet mit ihr eine Familie. Sie bekommen drei Kinder, eine Tochter und Zwillingssöhne. Die Familie lebt in Westcliffe on Sea, Essex. Einer seiner Zwillingssöhne wird Soldat und kommt 1984 ums Leben.

Er selbst stirbt am 22.02.2018 und erlebt die Verlegung der Stolpersteine für seine Eltern und sich nicht mehr. Seine Nichte schreibt, dass ihr Onkel Ken ein sehr enger, geliebter Verwandter war. Ihr Vater – Peter- und Ken hätten bis zu Kens letztem Monat fast täglich telefoniert.


Biografische Zusammenstellung

Margit Novak

Weitere Quellen

Eidesstattliche Erklärung vom 20.November 1951 von Klaus Licht/Kenneth Ligfht über seinen Kindertransport am 21.12 1938 und den Verlust beider Elternteile Quelle LABO
Geburtsurkunde von Klaus Licht - Quelle LABO