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Dora Minna Liebmann (geb. Badt)

Stolperstein Dora Minna Liebmann Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
Ilse und Dodo mit Erich Bild: Familienbesitz
Dodo mit 6 bis 8 Jahren Bild: Familienbesitz
Dodo mit Ende 50 Jahren Bild: Familien
Dodo Mitte der 80er Jahre Bild: Familienbesitz
VERLEGEORT
Wilhemsaue 136

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
04.06.2021

GEBOREN
1906 in Berlin
FLUCHT
1937 - Frankreich, England
ÜBERLEBT

Dora Minna Badt (Dodo genannt) wurde 1906 in Berlin geboren und lebte hier bis zu ihrer Flucht 1937. Sie hatte zwei Geschwister: die ein Jahr ältere Schwester Ilse und den elf Jahre jüngeren Bruder Erich. Ihm war sie ganz besonders verbunden.

Dodos Vater Albert Badt war Geschäftsmann, seine Frau Emmy, geb. Wolff, führte den Haushalt mit Hilfe mehrerer Bediensteter. Das Geschäft lief über viele Jahre gut, ging aber in der Inflation in den 1920er-Jahren pleite. Dodos Vater entstammte einer orthodoxen jüdischen Familie, die Mutter kam aus einer liberalen jüdischen Familie. Sie feierten die wichtigsten jüdischen Feste, beschäftigten sich aber sonst nicht mit Religion. Dennoch bewegte sich die Familie vornehmlich in jüdischen Kreisen, da der Antisemitismus weit verbreitet war. Beide Ehehpartner hatten viele Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, sodass die meisten Feste im Familienkreis stattfanden.

Dodo war von klein auf sehr intelligent, aber es brauchte sehr viel Überzeugungskraft, damit sie auf ein Gymnasium gehen durfte. Von 1912 bis 1921 besuchte sie die Auguste-Victoria-Schule, danach bis 1925 die Fürstin-Bismarck-Schule – beide in Charlottenburg. Ihr Abitur absolvierte sie mit sehr guten Noten und schrieb sich an der Berliner Universität als Studentin der Physik ein. Sie war die erste Akademikerin in ihrer Familie. Sie wechselte an die Universität Heidelberg, musste aber nach einem Semester wieder nach Hause kommen, da ihr Vater 1926 unerwartet starb. Es war für sie eine prägende Zeit, da sie bei vielen Professoren und Tutoren lernte, die namhaft in den Bereichen Relativitätstheorie und Unschärferelation waren.

Dodo und ihre Familie durchlebten schwierige Zeiten in Deutschland. Während des Ersten Weltkrieges war sie ein Kind und erinnerte sich daran, dass sie für ihren Onkel, der Soldat war, Socken strickte. Kurz nach Kriegsende litt Deutschland unter der großen Inflation, durch die die Familie nicht nur ihr Geld verlor, sondern auch allen Schmuck verkaufen musste. Sie musste in eine preiswertere Wohnung umziehen, was zu Problemen zwischen Dodo und ihrer Mutter führte, sodass Dodo 1930 in ein möbliertes Zimmer zog.

Wegen der schwierigen finanziellen Lage musste Dodo neben dem Studium Geld verdienen. Zunächst gab sie Schulkindern Nachhilfe, dann arbeitete sie im Forschungslabor bei Osram. Sie musste sich daher sehr anstrengen, um ihr Studium zu beenden. Aber es gelang und sie forschte weiter bei Osram für ihre Promotion. Ihr späterer Ehemann Gerhard (Gert) Liebmann arbeitete zufällig als Werkstudent in derselben Abteilung. Sie waren sich schon im Alter von 20 Jahren an der Universität begegnet, heirateten aber erst 1936, als beide 29 Jahre alt waren.

1931 verließ Dodo Osram „auf Anraten“ wegen Problemen mit ihrem Chef und war einige Monate arbeitslos. Gert hatte inzwischen seinen Abschluss gemacht und arbeitete in der Radiofabrik Loewe. Dort konnte er sie in einen Assistentenposten vermitteln – ihre Beziehung mussten sie natürlich geheim halten. Abends arbeitete Dodo an ihrer Dissertation. Im November 1933 wurde ihr gekündigt, weil sie eine unbezahlte Auszeit genommen hatte, um ihre Doktorarbeit zu beenden. Sie befürchtete nämlich, nach der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 nicht mehr zur Promotion zugelassen zu werden, wenn sie die Abgabe der Arbeit noch länger hinauszögerte. Gert hingegen konnte weiter bei Loewe arbeiten, da einer der Direktoren jüdisch war und nicht alle jüdischen Angestellten hinausgeworfen wurden – wie es in vielen anderen Unternehmen der Fall war.

Bereits seit 1931 hatte Dodo sich politisch engagiert und trat 1933 in die Kommunistische Partei ein. Sie sah diese Partei als einzige Gruppierung an, die Untergrundaktivitäten organisierte, ohne Juden zu diskriminieren. Sie verteilte verbotene Schriften und traf sich mit anderen Mitgliedern der Gruppe. Bei mehreren Gelegenheiten gelang es ihr, beim Eintreffen der Gestapo Papiere zu verbrennen oder in der Toilette zu versenken, die sie belasten konnten. Um in dieser gefährlichen Lebenslage bei Verstand zu bleiben, verbrachten Dodo und Gert die Wochenenden auf ihrem kleinen Segelboot auf einem der Seen im Grunewald.

Im Februar 1934 absolvierte Dodo schließlich ihr Doktorexamen. Neben der Doktorarbeit hatte sie vier mündliche Prüfungen zu bestehen – theoretische und experimentelle Physik, Mathematik und Philosophie. Sie musste für jedes Fach Professoren finden, die bereit waren, sie zu prüfen. Das war kein einfaches Unterfangen, denn etliche waren antisemitisch eingestellt und manche zudem frauenfeindlich.

Nach der erfolgreichen Promotion fand Dodo eine Beschäftigung als ungelernte Arbeiterin in der Radio-Industrie, wurde aber Ende 1934 erneut arbeitslos. So gab sie als Selbstständige das Monatsjournal „Fortschritte der Funktechnik“ heraus, das sie erfolgreich an europäische Universitäten und Museen verkaufte. Sie sollte eine Stelle in der Technischen Universität Berlin bekommen, um diese Arbeit von dort aus fortzusetzen. Die Zusage wurde aber zurückgezogen, weil sie Jüdin war. Bald darauf stellte sie die Herausgabe der Zeitschrift ein, um nicht unter Verdacht zu geraten. Sie beschrieb dies als ihre schlimmste antisemitische Erfahrung. Solange sie noch in Deutschland war, gab sie Unterricht und machte Studien- und Prüfungstrainings sowie Literaturrecherchen für Wissenschaftler.

Dodo und Gert heirateten 1936 – ein Teil ihres Fluchtplans. Wenn Gert eine Anstellung im Ausland fände, könnte Dodo nachkommen. Mit Hilfe von Freunden in London, die seine Bewerbung betrieben und das positive Resultat in einem kodierten Brief mitteilten, gelang das und Gert reiste innerhalb von Tagen über Paris nach London. Dodo packte binnen 36 Stunden ihr ganzes Leben ein und folgte ihm. Zunächst lebten beide bei den Freunden in London, zogen dann nach Cambridge, wo Gert im Januar 1937 seine Stelle bei der Firma Pey antrat.

In dieser Zeit beherbergte Dodo Besucher und Flüchtlinge auf der Durchreise, die versuchten, Kontakte in England zu knüpfen. Im August 1937 wählte ihre Schwester Ilse, verheiratete Lichtwitz, den Freitod (Stolpersteine Kantstraße 30), ihre Mutter Emmy im Januar 1939 ebenfalls – wie es damals so viele von den Nazis verfolgte Menschen taten. Dodo konnte natürlich nicht zu den Beerdigungen fahren. Es gelang Gert und Dodo aber, Gerts Eltern aus Deutschland nach England zu holen und ganz in ihrer Nähe eine Wohnung für sie zu finden. Dodo engagierte sich im Woburn House bei der Rettung von Kindern und Jugendlichen aus Deutschland mittels Kindertransporten.

Nach Kriegsausbruch wechselten Dodo und Gert ihre tägliche Umgangssprache von Deutsch zu Englisch. Sie konnten die deutsche Sprache einfach nicht mehr ertragen.
Beide wurden 1939/1940 für neun Monate als „enemy aliens“ in unterschiedlichen Lagern auf der Isle of Man interniert – für Frauen eine eher ungewöhnliche Maßnahme. Dodo half in ihrem Lager, Entlassungsanträge auf den Weg zu bringen. Nach der Entlassung nahm Gert seine Arbeit bei Pye wieder auf; Dodo hätte auch gerne gearbeitet, erhielt aber nicht die dafür notwendige Erlaubnis.

1942 und 1945 wurden ihre beiden Kinder Marian und Stephen geboren. Unmittelbar nach Kriegsende beantragten Dodo und Gert die britische Staatsbürgerschaft, die ihnen 1946 gewährt wurde. Finanzielle Mittel waren immer knapp, zumal sie neben ihrer eigenen wachsenden Familie auch noch Gerts Eltern unterstützten.

In Deutschland hatten Gert und Dodo an Widerständen für Radios gearbeitet und ein Verfahren für die Herstellung von hochstabilen Carbon-Widerständen entwickelt und nach England mitgebracht. Das wollten sie einem bereits existierenden Unternehmen verkaufen, aber niemand glaubte, dass dieses Verfahren funktionierte. So gründeten sie 1946 ihr eigenes Unternehmen – die Cambridge Electrical Components Ltd. (CELCO). Zunächst arbeiteten beide in ihrer eigenen Firma, aber nach der Kündigung von Pye 1947 nahm Gert einen neuen, besser zu ihm passenden Posten fern von Cambridge an. Dodo führte also das Unternehmen alleine weiter und konnte es – nachdem bewiesen war, dass das Verfahren funktionierte – 1949 an eine größere Firma verkaufen. Sie wurde für die nächsten drei Jahre als Consultant verpflichtet mit einem Honorar, das einen großen Unterschied für die Familienfinanzen machte.

Gert war also in Aldermaston, konnte nur jedes dritte Wochenende zu seiner Familie kommen und überließ Dodo die Erziehung und Versorgung der Kinder, die Führung des Unternehmens und die Unterstützung seiner alternden Eltern. Erst nach zweieinhalb Jahren, als Dodo die CELCO verkauft hatte, konnte sie mit den Kindern 1950 nach Aldermaston ziehen, sodass die Familie wieder vereint war. Das Leben in Aldermaston war einerseits angenehm, anderseits aber sehr isoliert. Die Familie wohnte in einer früheren, schlecht isolierten Armeehütte und die Kinder mussten zehn Meilen zu ihrer Schule in Newbury fahren. Dodo verbrachte viel Zeit damit, alle zur nächsten Busstation zu fahren. Die Hausarbeit war ihr nicht genug – sie langweilte sich.

So suchten Dodo und Gert in der nächstgrößeren Stadt – Reading – ein Haus. Als ihnen keines zusagte, kauften sie ein Stück Land und eine Handvoll Architekturbücher, entwarfen ihr neues Heim selbst und überwachten den Baufortschritt. Das Haus hatte vier Schlafzimmer – drei davon nach Süden –, viele Bücherregale in den Kinderzimmern, eine Veranda, die groß genug für Tisch und Stühle war, ein kleines Arbeitszimmer für Gert, eine Garage, drei Nebengebäude und einen großen Garten. Dort erhielten sie einen großen Teil der alten Bäume des früheren Waldlandes. Dieses Vorhaben begann 1953 und im Dezember 1954 konnten sie einziehen.

Da die Kinder nun größer waren, wollte Dodo wieder im experimentellen Bereich arbeiten, aber auch Psychologie studieren. Sie schrieb sich also in der Universität Reading ein und hatte das erste Jahr fast beendet, als sie krank wurde und pausieren musste. Dann starb Gert ganz unerwartet 1956 an einem Herzschlag. Dodo musste also ihr Studium aufgeben und schnellstens eine Anstellung finden. Sie wurde am Reading Technical College als Mathematikdozentin eingestellt und arbeitete dort bis zu ihrer Pensionierung 1968.

Eine unerwartete Folge von Gerts Tod war, dass Dodo ihren Neffen Heinz Lichtwitz wiederfand. (Stolpersteine Kantstraße 30). Dodo wusste, dass er mit einem Kindertransport nach England gekommen war, hatte ihn aber verpasst, als er durch London kam. Sie hatte mehrfach erfolgslos nach ihm gesucht. Die Nachricht von Gerts Tod erreichte, auf welchem Weg auch immer, die beste Freundin von Dodos Schwester Ilse. Diese Freundin war ebenfalls aus Deutschland geflohen und lebte in Leicester. Ihr Sohn kannte Heinz Lichtwitz – der in England Henry Foner hieß – und so schloss sich der Kreis. Dodo und Henry trafen sich 1961, als er 29 Jahre alt war. Dodo pflegte zu ihm und seiner Familie – Frau und drei Kinder – lebenslang eine ganz besondere Beziehung.

Dodo litt einen Großteil ihres Lebens unter gesundheitlichen Problemen. Mehrere große Operationen und entsprechende Genesungsperioden waren die Folge. Sehr spät beantragte sie „Entschädigung“ für ihre angeschlagene Gesundheit und die aufgrund der Nazi-Verfolgung verhinderte Karriere – und bekam sie. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebte sie finanzielle Sicherheit, die es ihr ermöglichte, die Hilfen zu finanzieren, deren sie nun bedurfte. Sie reiste gerne in Länder mit warmem Klima, wo sie schwimmen konnte. Aber sie vermied es, nach Deutschland zu reisen oder in den Ferien mit Deutschen in Kontakt zu kommen.

Nach ihrer Pensionierung 1968 zog Dodo von Reading nach London, um näher bei langjährigen Freunden zu sein und ihre erwachsenen Kinder zu treffen, wenn sie durch London kamen. Mit der Unterstützung ihrer Tochter schrieb sie ihre Memoiren, die sie 1977 fertigstellte: „We Kept Our Heads: Personal memories of being Jewish in Nazi Germany and making a new home in England“. Gerne hätte sie sich weiterhin ehrenamtlich engagiert, aber ihre schlechte Gesundheit ließ das nicht zu. Aber sie erfreute sich an einem neuen Hobby – der Töpferei – und interessierte sich sehr für die Aktivitäten ihrer Kinder und ihrer drei Enkelkinder.

Dora Liebmann starb im November 1989 während eines Besuches bei ihrer Tochter in Bristol, wo sie eingeäschert wurde. Ihre Asche wurde in Reading neben ihrem Mann Gert beigesetzt. Bei einer anschließenden Gedenkfeier in London wurden alle Trauergäste dazu aufgefordert, ein Stück von Dodos Töpfereien als Andenken mitzunehmen.


Die Stolpersteine für Gerhard und Dora Liebmann wurden am 4.6.2021 verlegt und von ihrer Tochter, Marian Liebmann, gespendet.

Biografische Zusammenstellung

Recherche: Marian Liebmann, Tochter von Gert und Dodo Liebmann
Leicht verkürzte Übertragung der Biographie aus dem Englischen: Gisela Morel-Tiemann