Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Dr. Theodor Wolff

Stolperstein für Theodor Wolff. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Bundesallee 79

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Friedenau
VERLEGEDATUM
05.06.2004

GEBOREN
25.07.1880 in Sangerhausen
BERUF
Schriftsteller
DEPORTATION
im Jahre 1943 nach Auschwitz
ERMORDET
20.07.1943 in Auschwitz

Theodor Wolff kam am 25. Juli 1880 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Julius Wolff und seiner Frau Laura, geb. Löwenstein in Sangerhausen zur Welt. Im damals thüringischen Sangerhausen besuchte Theodor die Grundschule, seine weitere Schulbildung erfolgte nach dem Umzug der Familie nach Berlin. Dort besuchte er zunächst eine Realschule, nach dem Schulabschluss absolvierte er eine kaufmänische Lehre, da er nach dem Willen seines Vaters ebenfalls Kaufmann werden sollte. Seiner Neigung entsprach dieses Berufsfeld allerdings wenig, Theodor Wolffs Passion war die Schriftstellerei. Damit beschäftigte er sich bereits neben der Berufsausbildung und einige Jahren später war er ausschließlich als freier Schriftsteller tätig. Er veröffentlichte unter dem Namen Theodor Wolff-Thüring, um sich von seinem bekannten Namensvetter, dem liberalen Publizisten und Chefredakteur des Berliner Tageblatts zu unterscheiden. Zu seinen ersten Erfolgen zählten Titel wie „Leiden und Leidenschaften, Seelenskizzen“, der 1902 mit einer Widmung für Gertrud Traeger erscheint, gleich im Jahr darauf folgte ein weiterer Titel „Die Amazone, Roman einer Frauenkämpferin“. Das Thema Emanzipation und politische Partizipation von Frauen ist eines der Hauptthemen von Theodor Wolff-Thüring in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, er ist ein strikter Gegner der Frauenemzipation und verbreitet seine Ansichten mit Titeln wie „Frauenschlacht. Ein kritischer Bericht zur Frauenfrage“. Aus dieser Einstellung heraus verfasste er auch Schriften gegen die liberale Presse und die Sozialdemokratie.

Theodor Wolff muss sehr wissbegierig gewesen sein, er vervollständigte seine Bildung jahrelang in Selbststudien und lernte mehrere Fremdsprachen. Als er am 9. Februar 1904 seine nichtjüdische Frau Gertrud, geb.Traeger auf dem Standesamt Schöneberg heiratete, war Theodor Wolff noch mitten in der Phase des Selbsstudiums. Bald kam das erste Kind zur Welt, ein Mädchen, das den Namen Edith erhielt. Noch zwei weitere Mädchen namens Sylvia (1905) und Charlotte (1907) kamen zur Welt, kurz vor der Einschulung der ältesten Tochter wurden die drei Mädchen evangelisch getauft. Der Vater schrieb und bildete sich fort, zunehmend beschäftigte er sich nun mit naturwissenschaftlichen Themen. Er war beruflich so erfolgreich, dass die Familie ab 1910 in einer modernen, geräumigen Fünfzimmerwohnung in der Kaiserallee 79 ihr Zuhause fand und jährlich einen ausgedehnten Urlaub an der See oder im Gebirge verbringen konnte.

Im Ersten Weltkrieg wurde Theodor Wolff eingezogen, kämpfte an der russischen Front und wurde dort so schwer verletzt, dass er längere Zeit in den Lazaretten Görlitz und Kolberg liegen musste. Er nutzte diese Zwangspause und studierte die alten Sprachen, besonders Alt-Griechisch. Er tat dies so erfolgreich, dass er im Jahr 1922 als Externer das Abitur am humanistischen Dom Gymnasium zu Naumburg ablegen konnte. Theodor Wolff wollte studieren und schrieb sich an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität für die Fächer Mathematik, Physik und Philosophie ein. Das Studium schloss er nach vier Jahren mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Auch während der Studienzeit war er publizistisch tätig und veröffentlichte Artikel in Zeitungen und Zeitschriften im In- und Ausland. Der unermüdliche Theodor Wolff hielt populärwissenschaftliche Vorträge im Berliner Rundfunk und baute über die Jahre ein eigenes Fotoarchiv auf, das auf 1200 Druckplatten aus Blei, Kupfer und Zinn anwuchs. Zwei seiner drei Hauptwerke erschienen 1929 und 1931 im Berliner Verlag August Scherl: „Der Wettlauf mit der Schildkröte. Gelöste und ungelöste Probleme“ und „Vom lachenden Denken. Ein Buch von Wundern und Problemen“.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert Theodor Wolff zuerst die Rundfunksendungen, dann werden seine Schriften nicht mehr gedruckt. Als Jude darf er nicht Mitglied der Reichsschrifttumkammer sein, so hat er keine Möglichkeit in seiner Heimat publizistisch tätig zu sein. Ein Ausweg ist es zunächst, Beiträge und Bücher in Prag zu veröffentlichen. Sein drittes populärwissenschaftliches Buch, „Die lächelnde Sphinx. Von großen und kleinen, von ernsten und heiteren Problemen“, konnte 1937 nur noch in Prag verlegt werden.

Theodor Wolff beginnt auszurechnen wie lange seine Rücklagen bei eingeschränkter Lebensführung reichen werden, er schätzt zwei Jahre. Die Gestapo lädt ihn vor und führt auch mehrfach Haussuchungen durch. Seine „arische“ Frau Gertrud hält zu ihm und kann ihm so den unsicheren Schutz der privilegierten Mischehe gewähren. Das bedeutet für Theodor Wolff, dass ihn verschiedene Verordnungen nicht betreffen, so muss er die sogenannte Judenvermögensabgabe nach der Reichspogrammnacht nicht bezahlen und auch vom Tragen des Judensterns ist er befreit, doch sicher kann er sich nicht fühlen. Eine zusätzliche Gefahr ist die politische Tätigkeit seiner ältesten Tochter Edith, die eine jüdische Widerstandsgruppe unterstützt und untergetauchten Juden hilft. Sie wird im Juni 1943 verhaftet, mehrere Monate in Ravensbrück gefangen gehalten und dann zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Am 25. Januar 1943 klingelt die Gestapo morgens früh um sieben bei den Wolffs an der Tür und fordert Theodor Wolff auf mitzukommen. Zunächst wird er in die Burgstraße gebracht, von dort kommt er in das Polizeigefängnis Alexanderplatz und dann in das Gefängnis Invalidenstr. Ende Februar wird seiner Frau auf ihre Anfrage bei verschiedenen Gestapo-Stellen mitgeteilt, ihr Mann sei in das KZ Auschwitz gekommen. Das entspricht der Wahrheit. Theodor Wolff kommt in das Stammlager Auschwitz I, wo er Ende Februar 1943 unter der Häftlingsnummer 104210 registriert wird. Welche Arbeiten der 62jährige hier zu verrichten hatte ist nicht klar, nachgewiesen sind drei Einträge im Röntgenbuch des Lagers. Theodor Wolff stirbt am 20. Juli 1943 in Auschwitz, ermordet durch die Haftbedingungen.

Gertrud Wolff wird die Todesnachricht persönlich von einem Polizisten überbracht, sie setzt daraufhin eine Todesanzeige in die Zeitung, in der sie den plötzlichen und unerwarteten Tod ihres Mannes mitteilt. Ein Kondolenzschreiben des ehemaligen Verein Berliner Journalisten an die Witwe würdigt noch einmal die ungeheure Breite von Theodor Wolffs wissenschaftlichem Wissen.

Nachtrag:

Im Sommer 1944 meldet sich die Finanzbehörde bei Gertrud Wolff, denn das Vermögen ihres verstorbenen Mannes sollte nun an das Deutsche Reich fallen. Ein Anwalt kann dies mit dem Hinweis darauf, dass Theodor Wolff nichts mehr besaß, da er sein gesamtes Vermögen in den vergangenen Jahren für den Lebensunterhalt einsetzen musste, abwehren.

Gertrud Wolff verstirbt am 18. Juli 1951 im schweizerischen Ascona bei Locarno. Im Entschädigungsverfahren, das die Töchter Edith Wolff, Sylvia Simson, geb.Wolff und Charlotte Wolff nach dem Tod ihrer Mutter Ende der 1950er Jahre weiterführen, wird klar, dass Theodor Wolff in den Unterlagen der Gestapo mit dem Geburtsjahr (1868) seines Namensvetters, dem Chefredakteur des Berliner Tageblatts Dr. Theodor Wolff, geführt wurde. Dieser war gleich nach dem Reichstagsbrand im März 1933 ins Exil geflüchtet. Über Österreich und die Schweiz gelangte er nach Frankreich und ließ sich in Nizza nieder. Dort wurde er 1943 festgenommen. Er starb am 23. September 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin, in das er todkrank aus dem KZ Sachsenhausen eingeliefert worden war. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.

Edith Wolff versucht daraufhin eine Berichtigung der Eintragung beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes zu veranlassen und bekommt 1959 zur Antwort, dass eine Berichtigung nicht möglich sei, da der Fehler bei der Gestapo in Berlin entstanden sei und die Originalangaben nicht geändert werden könnten.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Ruth Federspiel

Weitere Quellen

Entschädigungsakten Gertrud Wolff, geb. Träger und Edith Wolff