Martha Engel

Location 
Bundesplatz 2
District
Wilmersdorf
Stone was laid
07 June 2011
Born
13 March 1872 in Zanow / Sianów
Deportation
on 11 October 1941 to Łódź / Litzmannstadt
Murdered
08 May 1942 in Chełmno / Kulmhof
Biography

Martha Engel kam am 13. März 1872 in Zanow (Sianów) im Landkreis Schlawe als älteste Tochter von insgesamt vier Kindern des Kaufmanns Gustav Hermann Engel (*1848) und dessen Ehefrau Bertha Engel geborene Falk (*1851) zur Welt. Martha hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Leopold, genannt Leo, der am 1. Mai 1874 in Konitz (Chojnice) geboren wurde. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Clara wurde am 13. Juni 1875, ihre sieben Jahre jüngere Schwester Margarete am 13. Juni 1879 geboren, beide in Schivelbein (Świdwin).

Clara heiratete am 4. März 1897 in Berlin den aus Kolberg, Westpommern stammenden Kaufmann Isidor Lindenbaum (*18. Mai 1873). Sie wohnten in der Dragonerstraße 43 (heute Max-Beer-Straße) in Berlin-Mitte. Ein Jahr später, am 7. Mai 1898, wurde ihr Sohn Herbert in der Kaiser-Friedrich-Straße 37b in Berlin-Charlottenburg geboren. Ihre Tochter Käthe kam am 14. Oktober 1899 in Hamburg zur Welt, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war.

Marthas Bruder Leopold heiratete 1901 die aus Gera stammende Henriette Wolff (*1877). Leopold lebte damals als Fabrikant in Annaberg. Am 23. Mai 1902 wurde ihr Sohn Martin in Berlin geboren.

Marthas jüngste Schwester Margarete heiratete am 26. Januar 1910 den aus Offenbach stammenden Kaufmann und Geldbörsenfabrikanten Josef Karl Ferdinand Stadelmann (*5. Januar 1867). Ein Jahr später, am 31. Januar 1911, wurden sie Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Philipp Heinz Egon gaben. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Zwei Monate nach Egons Geburt starb Ferdinand Stadelmann mit 44 Jahren in ihrer gemeinsamen Wohnung in der Waitzstraße 11 in Berlin-Charlottenburg. 

Martha und ihre Eltern wohnten damals in der Barbarossastraße 56 in Berlin-Schöneberg.

Schon zwei Jahre später, am 27. Mai 1913, heiratete Margarete in zweiter Ehe den aus Buczacz in Galizien (heute Butschatsch, Ukraine) stammenden Beamten Lewi Isaak Wurmann (*1. Juli 1880). Lewi Wurmann nahm am Ersten Weltkrieg teil und kehrte nach der zweiten Flandernschlacht 1915 nach Berlin zurück, wo er am 2. Oktober 1915 mit 35 Jahren in seiner Wohnung starb. Marthas Vater meldete den Tod seines Schwiegersohnes beim Standesamt. Damals wohnten Martha und ihre Eltern schon am Kaiserplatz (heute Bundesplatz) 2 in einer 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock des Vorderhauses. Um 1916 zog Margarete mit ihrem 5-jährigen Sohn Egon ebenfalls dort hin. 

Martha heiratete nicht wieder. Von ihrer Mutter Bertha hatte sie das Schneiderhandwerk gelernt. Zusammen mit ihr übernahm sie in der eigenen Wohnung Nähaufträge für Kundinnen.

Ihr Vater, der Rentier Gustav Engel, starb am 4. Oktober 1920 mit 72 Jahren. Martha meldete seinen Tod beim Standesamt. Als Beruf gab sie damals Wäschenäherin an.

Ein halbes Jahr später, am 1. Februar 1921, starb mit 44 Jahren Leos Ehefrau Henriette in ihrer Wohnung in der Küstriner Straße 9 (heute Damaschkestraße 21) in Berlin-Charlottenburg. Ihr Sohn, der Banklehrling Martin, meldete den Tod der Mutter beim Standesamt. Der zweite Sohn, der Nachkömmling Kurt (1914), war damals erst 6 Jahre alt. Noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1921, heiratete Leo in zweiter Ehe Else von Geldern geborene Sternberg aus Düsseldorf. 

Marthas Mutter Bertha starb 1936 mit 85 Jahren. Martha war damals 64 Jahre alt. 

Nach der „Reichspogromnacht“ im November 1938 war für Marthas Neffen Egon klar, dass er Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Ihre Schwester Clara Lindenbaum war mit ihrer Familie schon nach Stockholm in Schweden ausgewandert. Ihre jüngste Schwester Margarete wollte Deutschland nicht verlassen, denn sie war sich sicher, dass die Deutschen der Witwe eines Gefallenen des Ersten Weltkrieges nichts antun würden. So blieb auch Martha.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren die 67-jährige Martha und ihre fast 60-jährige Schwester Margarete immer noch am Kaiserplatz 2 gemeldet. Egon war schon im April 1939 nach England und später in die USA emigriert. Leo und seine Ehefrau Else wohnten bei der „Minderheiten-Volkszählung“ in der Storkzeile 9 in Berlin-Halensee. Auch Elses Tochter Hilde von Geldern (*1914) war hier gemeldet. Ihr gelang gerade noch rechtzeitig die Flucht nach Palästina.

Ab September 1941 wurden Martha und Margarete, wie alle Juden und Jüdinnen im Deutschen Reich, gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1941, hatten sie sich zusammen mit anderen jüdischen Mieterinnen und Mietern des Kaiserplatzes 2 im Sammellager in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einzufinden. 

Dort wurden sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert. Am 18. Oktober 1941 ging es für die zur Deportation vorgesehenen Menschen zu Fuß in strömendem Regen oder zum Teil auf offenen Lastwagen für jeden sichtbar zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald, von wo aus der erste Deportationszug insgesamt 1.251 Personen in den „Osten umsiedelte“, wie es verharmlosend hieß. Das Ziel der Reise wurde ihnen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 zu Ehren des preußischen Generals und NSDAP-Mitgliedes Karl Litzmann in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. 

Dort wurden Martha und Margarete am 19. Oktober 1941 in die Blattbinder Straße 14/72a einquartiert. Ihr Bruder Leo hatte im Herbst 1941 an Margaretes Sohn Egon Stadelmann in New York einen Brief geschrieben, in dem er mitteilte, dass Egons Mutter Margarete und seine Tante Martha verreist seien, er aber nicht wisse, wohin. Ein halbes Jahr später, am 2. April 1942,  wurden auch Leo und seine Ehefrau Else in das Warschauer Ghetto deportiert, wo sie den Tod fanden. Leos jüngstem Sohn Kurt gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Shanghai. Leos ältester Sohn Martin und dessen Ehefrau blieben in Berlin. Sie wurden am 28. Februar 1943 im Rahmen der „Fabrikaktion“ am ihren Arbeitsplätzen von der Gestapo festgesetzt und Anfang März nach Auschwitz deportiert und ermordet. 

Unter erbärmlichen Verhältnissen verbrachten Martha und Margarete den Winter und das Frühjahr 1942 im Ghetto in Litzmannstadt. Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chelmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielten auch sie die „Ausreisebefehle“ für den 8. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie in einem Gaswagen ermordet.Martha Engel musste mit 70 Jahren und ihre Schwester Margarete mit 62 Jahren aufgrund antisemitischen Rassenwahns und Verschwörungstheorien sterben.