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Walter Blumenthal

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Wielandstr. 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
01.07.2010

GEBOREN
16.05.1867 in Seehausen i.d. Altmark
DEPORTATION
am 17.08.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 19.09.1942 nach Treblinka
ERMORDET
in Treblinka

Walter Blumenthal wurde am 16. Mai 1867 in Seehausen/Altmark geboren. Über sein Elternhaus ist nichts bekannt. 1900, im Alter von 33 Jahren, heiratete er Elisabeth Rahel Pincus, die am 31. Juli 1875 in Leipzig zur Welt kam. Ihr Vater Alfred Herschel Pincus war Kaufmann, die Mutter, Fanny Weinberg, stammte aus Castrop und auch aus einer Händlerfamilie. Kurz vor Elisabeths 6. Geburtstag war die Familie nach Berlin in die Georgenkirchstraße in Mitte gezogen. Walter hatte eine kaufmännische Ausbildung gemacht, sehr wahrscheinlich in der Textilbranche. Im Adressbuch hat er erst ab 1904 einen eigenen Eintrag in Berlin-Mitte, Franzstraße 1, eine seit 1969 nicht mehr existierende Straße im heutigen Heine-Viertel. Vermutlich wohnte er aber schon vor seiner Heirat in Berlin. Am 2. Oktober 1901 wurde Walter und Elisabeths Sohn Hans geboren.

Es ist unbekannt, wo Walter Blumenthal vor und im ersten Jahrzehnt seiner Ehe arbeitete. Es ging ihm aber offenbar wirtschaftlich gut, denn er war Eigentümer eines Wohnhauses in Schöneberg. 1920 zog die Familie ins Hansa-Viertel an das Holsteiner Ufer 7 (damals Schleswiger Ufer 24). Kurz darauf meldete Walter sein eigenes Gewerbe als Agent für drei Gardinenhäuser an. Später erweiterte er seine Vertretung auf Trikotagen und andere Textilien acht bis zehn Hersteller. Er beschäftigte eine Schreibkraft, einen Untervertreter und einen Laufburschen.

Am Holsteiner Ufer wohnte die Familie bis 1933. Sohn Hans hatte inzwischen in Göttingen Jura studiert und hatte es in Berlin zum Landgerichtsrat gebracht, er war Richter auf Zeit am Landgericht. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor er diese Stellung. Sein Name steht auf einer Gedenktafel in der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Richterbundes, die 2010 von der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger enthüllt wurde. Hans wohnte mit seinen Eltern zusammen. Er zog mit ihnen 1933 in eine 5-Zimmer-Wohnung in der Saldernstraße 2 um und arbeitete fortan im Geschäft des Vaters mit, wurde auch als Mitinhaber eingetragen. Doch ab 1936 brach die Kundschaft zunehmend aufgrund von Judenboykott und anderer Diskriminierungen weg. Anfang 1938 entschloss sich Hans zur Emigration nach Italien. Nach den Judenpogromen in Deutschland erließ aber auch Mussolini den Nürnberger Rassengesetzen ähnliche Gesetze und Hans konnte auch dort nicht bleiben. Über Kuba gelangte er schließlich in die USA. Nach Hans’ Abreise sahen sich Walter und Elisabeth Blumenthal gezwungen, eine kleinere Wohnung zu suchen und im August 1938 zogen sie in der Wielandstraße 17 ein, im Hinterhof, 2. Stock. Auch sie hatten offenbar vor, zu emigrieren. Eine Anzahlung für die MS Orinoco am 29.7.1939 von Hamburg nach Habana hatten sie bereits geleistet. Daraus wurde aber nichts. Vielleicht erhielten sie nicht rechtzeitig ein Visum, wahrscheinlicher aber ist, dass sie keine Ausreisegenehmigung bekamen, weil sie die von den Nazis erhobene „Reichsfluchtsteuer“ sowie die „Judensonderabgabe“ nach den Novemberpogromen nicht zahlen konnten.

Am 14. November 1941 bestätigte ihnen die Hamburg-Amerika-Linie, dass sie die Anzahlung (abzüglich 15% Gebühren) zurückerstatten werde, und zwar 849,25 RM, die sie direkt an das Finanzamt Charlottenburg à conto 5. Rate der Judenvermögensabgabe überweisen würde.

Im August 1942 wurden Walter und Elisabeth wie auch andere Bewohner der Wielandstraße 17 von der Gestapo abgeholt und in das als Sammellager umfunktionierte jüdische Heim in der Großen Hamburger Straße 26 gebracht. Als der Lkw mit den verhafteten Juden in der Wielandstraße losfuhr, warf Walter Blumenthal seine Geldbörse auf den Bürgersteig. Sie enthielt zwei Fotos und eine Visitenkarte. Eine Nachbarin hob das Ledermäppchen auf – es befindet sich heute im Jüdischen Museum Berlin und wird dort in der Dauerausstellung gezeigt (Achse des Holocaust).

Wahrscheinlich erst im Sammellager füllten Blumenthals die von ihnen verlangte „Vermögenserklärung“ aus. Darin gaben sie an, in ihrer 3-Zimmer-Wohnung zwei Untermieterinnen zu haben, Lisbeth Altmann und Pauline Guttmann. Angaben zu Vermögen und Einrichtung machten sie keine. Möbel und Hausrat wurden, wie bei allen Deportierten, vom Staat „eingezogen“, vom Gerichtsvollzieher geschätzt –bei Blumenthals relativ hoch auf 1060,50 RM – und verkauft oder versteigert.

Von der Großen Hamburger Straße aus kamen Walter und Elisabeth am 17. August 1942 in einen geschlossenen und völlig überfüllten Sonderzug im Güterbahnhof Moabit, der erste von vier sogenannten „großen Transporten“ nach Theresienstadt, so bezeichnet, weil statt wie bis dahin 50 bis 100 nun knapp 1000 Menschen auf einmal in das „Altersghetto“ deportiert wurden.

In Theresienstadt, das vom NS-Regime zynischerweise als vorbildliche Altersunterbringung dargestellt wurde, waren die Lebensumstände erbärmlich. Überfüllung, Hunger, Kälte und Krankheiten rafften eine hohe Zahl der Insassen hin. Die dies überlebten, erwartete Schlimmeres, denn Theresienstadt war praktisch ein Durchgangslager, von dem die Menschen weiter in Vernichtungslager deportiert wurden. Walter und Elisabeth Blumenthal blieben nur vier Wochen dort. Am 19. September 1942 wurden sie weiter nach Treblinka deportiert und wahrscheinlich kurz nach der Ankunft dort ermordet. Von den 2003 Insassen dieses Zuges überlebte lediglich eine Person.

Liesbeth Altmann wurde vier Wochen nach Blumenthals auch nach Theresienstadt deportiert und wenig später in Treblinka ermordet. Pauline Guttmann verschleppte man am 17. März 1943 nach Theresienstadt, nachdem sie gezwungen worden war, noch einmal umzuziehen, in die Heilbronner Straße. Auch sie überlebte nicht.


Biografische Zusammenstellung

Micaela Haas

Weitere Quellen

Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Akten des Landesentschädigungsamtes Berlin; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Jüdisches Museum Berlin: http://objekte.jmberlin.de/object/j...