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Alice Zellner

Foto: KHMM
VERLEGEORT
Ahornallee 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
28.06.2011

GEBOREN
28.05.1912 in Senftenberg
DEPORTATION
am 16.06.1943 nach Theresienstadt
ERMORDET
09.10.1944 in Auschwitz

Alice Zellner lebte zur Zeit des Nationalsozialismus und war eine Jüdin. Sie wurde deportiert und am Ende in einem Konzentrationslager ermordet, wahrscheinlich wurde sie vergast.

Geboren wurde Alice am 28.05.1912 in Senftenberg. Senftenberg liegt in Deutschland zwischen Cottbus und Dresden. Es ist mit 26.821 Ein- wohnern keine große Stadt.

Alice zog nach der Scheidung ihrer Eltern wahrscheinlich Ende der 1920er Jahre mit ihrer Mutter Berta nach Berlin. Dort gebar sie am 13.09.1941 ihre Tochter Gittel Zellner. Der Vater Gittels ist bisher unbekannt. Alice hat nie geheiratet, wahrscheinlich da sie den Vater Gittels davor schützen wollte, ins Gefängnis zu kommen oder anderweitig bestraft zu werden. Diese Gefahr bestand, da der Vater möglicherweise ein Deutscher hätte sein können und Deutsche nicht mit Juden schlafen oder sie heiraten durften. Dies galt als Schande, weil die Juden als eine Rasse und als unrein angesehen wurden. Vielleicht ist er auch verstorben oder er verschwand bevor Gittel geboren war.

Alice arbeitete in einer Uniformfabrik und kümmerte sich um ihre Tochter Gittel. Sie war Uniformnäherin in der Großen Frankfurter Straße 187, der heutigen Karl-Marx-Allee in Berlin Friedrichshain. Ihr Arbeitgeber war Martin Michalsky und sie verdiente wöchentlich 18 RM netto. Vermutlich war das Zwangsarbeit, denn sie war in der Kriegsproduktion tätig und Juden mussten dort oft Zwangsarbeit verrichten.

Der letzte freiwillige Wohnort der Familie Zellner war in der Ahornallee 10. Dort wohnten sie gemeinsam mit Berta Zellner, Alices Mutter.

Berta wurde am 18.05. 1874 in Konitz geboren. Sie starb am 16.02.1943 im Ghetto von Theresienstadt nur einen Monat nach ihrer Deportation. Bevor die drei auseinander gerissen und deportiert wurden, mussten sie in sogenannte Judensammelhäuser ziehen. Zunächst waren Alice, Gittel und Berta im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße in Berlin Gesundbrunnen. Der Grund dafür ist nicht genau zu klären. Vielleicht gebar Alice dort ihre Tochter Gittel und musste dann in ein „Judenhaus“ umziehen oder aber die Familie musste sich dort bereits zur Deportation einfinden. Das Jüdische Krankenhaus war zunehmend von den Nationalsozialisten als Sammellager für Juden genutzt worden. Wir wissen es nicht.

Fakt ist, dass Alice und Gittel im September in eine Wohnung in der Weimarer Straße 13 zogen. Dort lebten laut der Vermögenserklärung im Potsdamer Landeshauptarchiv nur Alice und Gittel. Sie hatten drei Zimmer, eine Küche und keine Untermieter. Der Hauseigentümer war Hans Martin. Er wohnte in der Grunewaldstraße. Alice musste eine monatliche Miete von 63 RM bezahlen und bezahlte den Mietzins bis zum 28.02.43 an den Hauswart. Das stand in der Vermögenserklärung. Das kann aber nicht stimmen, da Alice und Gittel erst am 16.06.1943 deportiert wurden. Dann hätten sie vier Monate ohne Haus gelebt, deshalb hat wahrscheinlich nicht Alice die Vermögenserklärung ausgefüllt, sondern ein Polizist, der nicht so viel über das Leben von Alice wusste. Da Alice nur 18 RM in der Woche verdiente, hat ihre Mutter Berta vielleicht auch in der Weimarer Straße gewohnt und die Miete gezahlt. Sie wurde am 16.02.1943 deportiert, danach wurde keine Miete mehr eingezahlt. Deswegen wird sie in der Vermögenserklärung wahrscheinlich nicht mehr genannt.

Da Alice wie ihre Eltern eine Jüdin war, wurde sie schließlich ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Am 16.06.1943 musste sie gemeinsam mit Gittel in den Transport mit der Nummer I/96-13142 steigen. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter Berta bereits tot.

In Theresienstadt blieben Alice und Gittel ein Jahr und vier Monate. Sie wurden später gemeinsam nach Auschwitz deportiert.

Der Ort Theresienstadt, an den Alice und Gittel deportiert worden waren und für 16 Monate lebten, war ursprünglich in eine kleine Festung und in eine Garnisonsstadt eingeteilt. Die Festung wurde 1940 in ein Gefängnis der Gestapo und die Garnisonsstadt zum Ghetto Theresienstadt umgebaut. 1941 wurde es dann von den Nationalsozialisten als Konzentrationslager eingerichtet. Im Vergleich zu anderen Ghettos und Konzentrationslagern war die Behandlung der Häftlinge dort milde, da das Lager Theresienstadt eine Sonderstellung hatte. Es wurde als Vorzeigelager für internationale Beobachter eingerichtet. Gleichzeitig war es ein Sammellager für inhaftierte Juden, um sie in andere Konzentrationslager zu schicken. Das Leben in dem Ghetto war freier als für Gefangene in anderen Konzentrationslagern. Die Häftlinge konnten private Gegenstände und Kleidung mitbringen, außerdem wohnten sie in alten Kasernen und Wohnhäusern. Dennoch war das Ghetto immer überfüllt, was zu menschenunwürdigen Lebensum- ständen führte. Die Menschen waren abgemagert, deshalb sieht man heute noch auf den Fotos die Rippen hervortreten. Es gab keine Hygiene, die Menschen schliefen in Betten voll mit Ungeziefer. Dadurch wurden viele krank, dazu kam noch die Willkür der Bewacher. Die Bewacher waren alle der Überzeugung, dass Juden etwas Unreines waren, das heißt sie scheuten sich nicht davor, Inhaftierte zu erschießen oder ihnen etwas anderes Schlimmes anzutun.

Insgesamt wurden nach Theresienstadt 141.184 Juden deportiert, aus dem Deutschen Reich waren es 42.821. Von den 141.184 waren 15.000 Kinder und 70.000 alte Menschen, von denen ein Viertel wegen schrecklicher Lebensumstände starb. 88.000 Häftlinge wurden in andere Konzentrationslager deportiert, die meisten nach Auschwitz.

Die Kinder wurden in Kinderheimen untergebracht, sie erhielten außerdem bessere Verpflegung und geheimen Unterricht durch andere Juden. Von den 15.000 überlebten trotzdem nur 150 den Krieg.

Im Juli 1944 wurde als erste Hilfsorganisation in Theresienstadt eine Delegation des Roten Kreuzes eingelassen. Dafür wurde das Ghetto von den Nationalsozialisten vorbereitet. Es wurden Cafés, Restaurants, Schulen und Kindergärten eingerichtet, auch wurden Kinderopern gezeigt. Die Menschen bekamen mehr Essen, damit es so aussieht, als seien sie gut ernährt und es ginge ihnen gut. Deswegen waren die Kinder für einige dieser Monate vielleicht glücklich. Wahrscheinlich waren auch Alice und Gittel zu der Zeit sehr glücklich im Vergleich zu den anderen Monaten, da sie da etwas mehr essen und sie sich mal wieder vergnügen konnten.

Neben den kleinen Verbesserungen der Lebensumstände wurde von den Nationalsozialisten ein Film gedreht, um der ganzen Welt zu zeigen, dass es den Juden unter der Führung der Deutschen gut gehe. Wegen der Überbevölkerung wurden aber auch mehr Menschen nach Auschwitz geschickt.

Kurz vor Kriegsende gelang es dem Roten Kreuz, Häftlinge aus dem Ghetto zu holen und in neutrale Lager zu bringen. Für zwei Wochen übernahm die Organisation die Führung des Ghettos und am
8. Mai befreite schließlich die Rote Armee das Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt. Heute ist das Ghetto Theresienstadt wieder eine Siedlung von Menschen und die Festung wurde zu einer Gedenkstätte.

1943 kam Gittel wahrscheinlich auch in ein Kinderheim und Alice musste arbeiten, da sie in der Transportliste als arbeitsfähig eingestuft wurde. Gittel musste aufgrund ihres Alters noch nicht arbeiten. Die Inhaftierten „durften“ erst ab sechs bis 64 Jahre arbeiten. Dazu wurde in die Transportlisten geschrieben, wann die Menschen geboren wurden und wie alt sie waren, damit die Nationalsozialisten gleich aussortieren und „zu Junge“ oder „zu Alte“ töten konnten.

Alice und Gittel wurden aber nicht von der roten Armee befreit, sondern sie wurden am 9.10.1944 weiter nach Auschwitz deportiert. Alice fuhr mit dem Transport und der Transportnummer EP-1470.
Das Konzentrationslager Auschwitz war eines der schlimmsten. 1941 wurde drei Kilometer vom Stammlager 1 entfernt das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebaut. Das Wort Auschwitz wurde nach dem Nationalsozialismus ein Symbol für den Holocaust. Von etwa sechs Millionen Menschen wurden etwa 1,1 Mill. in Auschwitz getötet. Ca. 900.000 wurden gleich nach ihrer
Ankunft vergast oder erschossen. Die anderen 200.000 starben durch Unterernährung,
Misshandlung, medizinische Versuche oder durch Arbeit. An den Frauen wurden beispielsweise Sterilisationen ausgeführt, um die Reinheit der deutschen Rasse zu sichern. Das heißt, die Nationalsozialisten wollten damit sicherstellen, dass keine weiteren Kinder von Juden geboren werden konnten. Dabei starben viele. Viele Menschen starben auch, weil sie sehr viel arbeiten mussten und immer schwächer wurden oder durch Giftspritzen, den Galgen oder Erschießungen.
Nachdem die Menschen angekommen waren, wurden die Alten und Schwachen von einem Arzt von den Arbeitsfähigen getrennt und kamen sofort in die Gaskammern. In Auschwitz herrschte eine noch schlimmere Hygiene und Versorgung als in Theresienstadt. Die Menschen lebten unwürdig und mussten sich schikanieren lassen.

Das Lager wurde im Januar 1945 von den Sowjets befreit. Der 27. Januar ist heute ein Gedenktag. Vorher jedoch schickten die Nationalsozialisten zwischen dem 17. und 23 Januar etwa 60.000 Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Westen. Etwa 7500 blieben zurück, weil sie zu schwach oder zu krank zum Laufen waren. In beiden Lagern trafen die Befreier auf etwa 5800 Menschen, die am Leben waren, darunter ca. 4000 Frauen. Diese waren unterversorgt und litten an Infektionen, außerdem waren sie von den Jahren in Auschwitz traumatisiert.

Es ist nicht bekannt, wann Alice und Gittel in Auschwitz ankamen. Wenn sie den Transport überlebt haben, musste Alice vielleicht noch weiter arbeiten und nach einiger Zeit starb sie entweder wegen Überarbeitung oder durch Vergasung. An welchem Tag sie genau starb, weiß man nicht. Gittel wurde wahrscheinlich gleich vergast. Vermutlich wurde Alice 32 Jahre und 4 ½ Monate alt. Wenn sie und Gittel noch ca. drei Monate überlebt hätten, hätten sie die Befreiung erlebt.

Nun 67 Jahre später wird am 28.06.2011 ein Stolperstein für Alice Zellner verlegt, der an sie erinnern soll, und daran, was sie alles erleben musste. Außerdem werden noch acht andere Steine verlegt, zur Erinnerung an acht weitere Menschen, die den Holocaust nicht überlebten. Diese neun Steine werden in der Ahornallee liegen und hoffentlich noch viele Menschen an diese grausame Zeit erinnern.


14 Schülerinnen und Schüler der Katholischen Schule Liebfrauen nahmen sich im Geschichtskurs des Schuljahrs 2010/11 vor, das Leben und Sterben von Opfern des Nationalsozialismus zu recherchieren und ihrer zu gedenken, indem sie Stolpersteine verlegten. Sie erfuhren die Namen von neun Menschen, die in der Ahornallee, der Straße der Schule, gewohnt hatten. Diese Menschen wollten sie kennenlernen, indem sie möglichst viele Informationen über ihr Leben und Schicksal in Erfahrung bringen, damit sie und die schrecklichen Folgen des rassistischen Antisemitismus während des Nationalsozialismus in Deutschland nicht vergessen werden. Das Ergebnis eines halben Schuljahres an Recherchearbeit waren eine Broschüre und die Stolpersteinverlegung mit einem Gedenken.

Die Stolpersteine für Berta Zellner, Alice Zellner, Gittel Zellner, Albert Lewinnek, Pauline Lewinnek, Herta Lewinnek und Hildegard Peril zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 10, sowie Josephine Huldschinsky und Gertrud Heller, zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 50 wurden von den Schülerinnen und Schülerinnen der Katholischen Schule Liebfrauen und einigen Eltern gespendet und am 28.06.2011 verlegt.

Gedenkbuch: Stolpersteine in der Ahornallee von der Kath. Schule Liebfrauen:
http://alt.katholische-schule-liebf...

Biografische Zusammenstellung

Catharina Peter (Klasse 9a)
Die Biografie wurde im Rahmen des Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 der Schule zusammengestellt.