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Hans Achim Litten

Fotografie von Hans Achim Litten © GDW
Stolperstein für Hans Achim Litten © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Zolastr. 1

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte
VERLEGEDATUM
Mai 2006

GEBOREN
19.06.1903 in Halle
BERUF
Rechtsanwalt
VERHAFTET
am 28.02.1933 in Berlin
INHAFTIERT
ab Februar 1933 in Berlin-Spandau ("Schutzhaft")
INHAFTIERT
im KZ Sonnenburg
INHAFTIERT
bis Februar 1934 im Zuchthaus Brandenburg
INHAFTIERT
ab Februar 1934 im "Moorlager" Esterwegen
INHAFTIERT
ab 1934 bis 1937 im KZ Lichtenburg
INHAFTIERT
ab 1937 bis Oktober 1937 in Buchenwald
INHAFTIERT
ab Oktober 1937 in Dachau
FLUCHT IN DEN TOD
04.02.1938 im KZ Dachau

Hans Achim Litten wurde am 19. Juni 1903 als erster Sohn des Juristen Fritz Litten und seiner Frau Irmgard in Halle (Saale) geboren. 1906 zog die Familie nach Königsberg (Ostpreußen), woher die Familie Litten stammte. Hans’ Großvater Joseph hatte dort als Vorsteher der Jüdischen Gemeinde gewirkt, sein Vater Fritz war jedoch aus Karrieregründen zum Christentum konvertiert. Fritz Litten war Professor der Rechte und Dekan an der juristischen Fakultät der Königsberger Universität, deutschnational und autoritär. Schon deshalb band Hans sich mehr an die Mutter, die – aus einer Theologenfamilie stammend – kunstinteressiert und liberaler eingestellt war. Aus Opposition zum Vater begann Hans sich als Jugendlicher mit Judentum und Sozialismus zu beschäftigen, beides rote Tücher für das Familienoberhaupt. 1920 trat Hans Litten dem „Jüdischen Jugendbund“ Königsberg bei, der bald Teil des „Deutsch-Jüdischen Wanderbundes Kameraden“ wurde. Er wurde zu einem der anerkannten Führer des Bundes in Ostpreußen, später auch reichsweit. Die Verbindung von „Jugend-(bewegung) und Politik“ wie er sie 1925 in einem Artikel im Bundesblatt der „Kameraden“ forderte, wurde eines seiner Lebensthemen. Ab 1925 organisierte er, zusammen mit seinem Freund Max Fürst, den „Schwarzen Haufen“ (SH), eine Strömung innerhalb der „Kameraden“, die sich den Kampf für eine sozialistische Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Nach Kontroversen wurde der SH 1927 aus den „Kameraden“ ausgeschlossen, im Folgejahr löste sich der Bund auf. Da arbeitete Hans, der sich noch einmal dem Willen des Vaters gebeugt und Jura studiert hatte, schon als Rechtsreferendar in Berlin. Seine politische Heimat hatte er in Kreisen von oppositionellen Kommunisten und Anarchisten gefunden, was ihn aber nicht hinderte, einer der wichtigsten Anwälte für die KPD-Gefangenenhilfeorganisation „Rote Hilfe zu werden. Selbst Zeuge der Zusammenstöße vom 1. Mai 1929, verteidigte er bald Arbeiter, die in diesem Zusammenhang verhaftet worden waren, und versuchte gleichzeitig die dafür Verantwortlichen, etwa den Berliner Polizeipräsidenten Zörgiebel, vor Gericht zu bekommen. Nach den ersten bedeutenden Wahlerfolgen der Nationalsozialisten im Herbst 1930 kam es zunehmend zu Auseinandersetzungen zwischen SA und Nazi-Gegnern in den Wohnvierteln der Arbeiter. Im Verfahren um eine dieser von der SA provozierten Schlägereien – im September 1930 im Charlottenburger Edenpalast – lud Hans Litten den Führer der NSDAP Adolf Hitler vor Gericht. Hitlers Vernehmung am 8. Mai 1931 sollte belegen, dass die Nationalsozialisten die Absicht hatten, mit Gewalt an die Macht zu kommen.

Litten setzte Hitler schwer unter Druck, ohne wohl ahnen zu können, wie bestimmend dieser Tag für sein weiteres Leben sein würde. Hitler zog sich aus der Affäre, indem er unter Eid erklärte, nur mit legalen Mitteln wirken zu wollen. Seitdem wurde Hans Litten in den Blättern und Versammlungen der NSDAP bekämpft.

Während seiner Berliner Jahre wohnte Hans Litten zunächst in der Auguststraße und zog 1930, zusammen mit Max und Margot Fürst, in die Koblankstrasse 1a (heute Zolastraße) gleich hinter der Volksbühne.

Hans Litten war, neben vielen „kleineren“ Prozessen, an einigen wichtigen, von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen Prozessen als Verteidiger oder Nebenkläger beteiligt: dem „Felsenecke-Prozess“, dem „Richardstraßenprozess“ und dem „Röntgenstraßenprozess“ (bei denen es jedes Mal um Auseinandersetzungen zwischen SA und Antifaschisten ging). Als einer der vehementesten Gegner der Nationalsozialisten wurde er noch in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und kam zunächst in die Haftanstalt Spandau. Anfang April 1933 wurde er in das KZ Sonnenburg überstellt, wo er von SS und SA schwer misshandelt und gefoltert wurde. Aufgrund verschiedener Interventionen, vor allem seiner Mutter Irmgard, die alles in Bewegung setzte, um die Entlassung von Hans zu erwirken, kam er zurück nach Spandau. Hier unternahm er, nach der erneuten Androhung von Folter, einen ersten Selbstmordversuch. Im Herbst 1933 erfolgte die Einweisung in das KZ Brandenburg, wo er erneut misshandelt und gedemütigt wurde. Im Frühjahr 1934 wurde er wieder verlegt, diesmal in das Moorlager von Esterwegen. Hier zog er sich bei der Arbeit eine schwere Beinverletzung durch eine Lore zu. Nachdem er sich im Krankenhaus für einige Monate hatte erholen können, kam Hans Litten im Sommer 1934 in das KZ Lichtenburg bei Torgau (Elbe). Hier konnte er als Buchbinder arbeiten und organisierte außerdem die Häftlingsbibliothek . Zugleich konnte er einige seiner Studien zu mittelalterlicher Literatur fortführen und es gelang ihm, junge Mithäftlinge zu ermutigen und sein Wissen an sie weiterzugeben. Mit der Auflösung der Lichtenburg als Männerlager kam Hans Litten im Sommer 1937 in das gerade entstehende KZ Buchenwald bei Weimar. Hier wurde er beim Arbeiten erneut durch eine Lore schwer am Bein verletzt. Nach Erlass der „Nürnberger Gesetze“ wurden ab Herbst 1937 alle jüdischen und „halb-jüdischen“ Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern, darunter auch Hans Litten, in das KZ Dachau verlegt. Die jüdischen Häftlinge wurden hier zu den schwersten Arbeiten eingesetzt und immer wieder mit Blocksperren bestraft – dabei wurden Fenster und Türen abgeschlossen und die Häftlinge mussten Wochen im Block verbringen. Derart zermürbt, ohne Hoffnung auf Entlassung und schwer krank, beging Hans Litten in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1938 Selbstmord. Seine Mutter Irmgard, die bis zu seinem Ende immer für seine Entlassung gekämpft hatte, emigrierte nach England und schrieb ein Buch über ihren Kampf für ihren Sohn. Seine Freunde Max und Margot Fürst konnten 1935 nach Palästina emigrieren, 1950 kehrten sie nach Deutschland zurück


Siehe auch: Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich, Stefanie Schüler-Springorum, Denkmalsfigur. Biographische Annäherung an Hans Litten 1903–1938, Göttingen 2008.

Biografische Zusammenstellung

Knut Bergbauer