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Joachim Preuss

Joachim Preuss © OTFW
VERLEGEORT
Eulerstraße 21

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Gesundbrunnen

GEBOREN
08.05.1936 in Berlin
DEPORTATION
am 03.02.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Joachim Michael Preuss wurde am 8. Mai 1936 in Berlin geboren. Er war das einzige Kind des kaufmännischen Angestellten Hans Preuss und seiner Frau Hildegard, geb. Wolff, die als Kontoristin in Berlin tätig war. Seine Eltern hatten im Oktober 1934 in Berlin geheiratet. Joachim Preuss wurde in eine Gesellschaft geboren, in der er aufgrund seiner Geburt als Sohn jüdischer Eltern als „Volksfeind“ galt und rassistischer Verfolgung ausgesetzt war. Es kann für seine Familie nicht leicht gewesen sein, das Kleinkind angemessen zu versorgen. Für die Mittel des täglichen Bedarfs reichten die diskriminierenden Lebensmittelkarten für Juden kaum aus, die nur in bestimmten Geschäften und zu beschränkten Zeiten zum Bezug von Nahrung berechtigten. Ab dem Jahr 1942 wurden auch diese Mittel noch einmal drastisch eingeschränkt.

Sicher versuchten Hans und Hildegard Preuss, ihrem Sohn in der Familie Schutzräume zu bieten, aber wir wissen nicht, wie gut es gelang, ihn von den existentiellen Nöten, die das Leben der Familie in Berlin zunehmend bestimmte, abzuschirmen. Spätestens Ende der 1930er-Jahre / Anfang der 1940er-Jahre war das Leben für die Familie Preuss zum Existenzkampf geworden. Joachims Eltern hatten infolge der zahlreichen Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben ihre Anstellungen verloren und wurden zu Zwangsarbeit herangezogen: Hildegard bei den „Elektro-Glimmer- und Preßwerken“ der „Scherb & Schwer KG“ in der Lehderstraße 34–35 in Berlin-Weißensee, Hans Preuss war zuletzt als Zimmermann im Bauausführungsbüro eines Carl Spahr in der Greifswalder Straße 89 in Weißensee tätig. Seit November 1938 lebten die Eheleute mit ihrem kleinen Sohn in einem teilmöblierten Zimmer zur Untermiete bei Poppelauer in der Eulerstraße 21.

Mitte bis Ende der 1930er-Jahre hatten sich Angehörige des Ehepaares Preuss vor der Verfolgung ins Exil retten können: Margot Dunkelmann, Joachims Tante väterlicherseits, gelang die Flucht nach Südamerika. Seine Tante mütterlicherseits, Martha Goldschmidt, konnte sich mit ihrem Ehemann 1939 nach England retten. Ob auch Hans und Hildegard Preuss in dieser Zeit Pläne verfolgten, mit ihrem Sohn aus Deutschland zu entkommen, ist nicht bekannt. Sollten sie konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese.

Am 1. Oktober 1941 informierte die Gestapo die Jüdische Gemeinde Berlin, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Die Eheleute Preuss wurden im Frühjahr 1943 in Berlin verhaftet und mit ihrem Sohn im ehemaligen jüdischen Altenheim in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Von dort aus wurden sie am 3. Februar 1943 mit dem „28. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Joachim Preuss wurde vermutlich unmittelbar nach der Ankunft des Transportes ermordet. Die Deportationsliste des „28. Osttransports“ listet die beiden Eheleute Preuss als „arbeitsfähig“ auf und zumindest für Hans Preuss ist belegt, dass er vor seiner Ermordung zu Zwangsarbeit in das Auschwitz-Außenlager Jawischowitz selektiert wurde. Von dort aus schrieb er am 13. Februar 1943 an seine Schwägerin Selma und ihren Ehemann Kurt Grzywna. Es war das letzte Lebenszeichen eines der drei Familienmitglieder. Weder Hans noch Hildegard Preuss noch der zum Zeitpunkt der Deportation fünfjährige Joachim gehörten zu den wenigen Überlebenden von Auschwitz.

Joachims Großeltern mütterlicherseits, Marcus und Dora Wolff, waren bereits im November 1941 in das Ghetto Minsk deportiert und ermordet worden. Seine Tante Martha überlebte mit ihrem Ehemann im Exil in England, ebenso seine Tante Margot, die nach Südamerika entkommen war und später in Argentinien lebte. Eine weitere Tante mütterlicherseits, Selma Grzywna überlebte die NS-Verfolgung in Berlin, da sie in einer nach NS-Terminologie „privilegierten Mischehe“ lebte.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1925–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021). Page of Testimony zu Hans Preuss; Hildegard Preuss sowie Marcus Wolff, erstellt von Ofra Karo.
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Geburtsanzeige Carl Hans Preuss (Nr. 99, Charlottenburg am 6. Februar 1906). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eheanzeige Carl Hans Preuss und Hildegard Wolff (Nr. 1065, Berlin am 5. Oktober 1934). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Joachim Preuss, „28. Osttransport“ (Lfd-Nr. 741); Hildegard Preuss (Lfd-Nr. 740); Hans Preuss (Lfd-Nr. 739). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Postkarte von Hans Preuss aus dem Arbeitslager Jawischowitz vom 13. Februar 1943 an die Familie Grwczyner. Familienarchiv.
Eintrag zu Joachim Michael Preuss in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Joachim... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Ergänzende Informationen zum Arbeitslager Jawischowitz. Sub Camps of Auschwitz. Online unter: https://subcamps-auschwitz.org/ausc... (aufgerufen am 26. Juli 2021).