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Judis Seeliger

Stolpersteine für Edith und Judis Seeliger © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Weinbergsweg 20

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte
VERLEGEDATUM
November 2009

GEBOREN
08.05.1942 in Berlin
DEPORTATION
am 10.09.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Judis Seeligers kurzes Leben hatte kaum begonnen, als es gewaltsam in Auschwitz endete. Sie wurde am 8. Mai 1942 in Berlin geboren. Am 10. September 1943 wurde das 16 Monate alte Mädchen mit ihrer Familie aus der Hauptstadt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Judis war die Tochter des aus Stuhm (dem heutigen Sztum) stammenden Kaufmanns Arthur Seeliger (*1909) und der Kontoristin Edith Seeliger, geb. Freund (*1911). Ihre Eltern hatten 1940 in Berlin geheiratet und lebten seitdem gemeinsam zur Untermiete in der Wohnung von Judis‘ Großeltern mütterlicherseits in der Weinmeisterstraße 20 in Mitte. Ihr Großvater Alfred Freund war ehemals Droschkenfuhrherr und hatte in den 1920er- und 1930er-Jahren in Berlin einen Autofuhrbetrieb geführt, bevor er das Geschäft 1938/1939 hatte schließen müssen.

Judis Seeliger wurde in eine Gesellschaft hineingeboren, in der sie aufgrund ihrer Geburt als Tochter jüdischer Eltern als „Volksfeindin“ galt und rassistischer Verfolgung ausgesetzt war. Es kann für ihre Eltern nicht leicht gewesen sein, den Säugling Angang der 1940er-Jahre zu versorgen. Für die Mittel des täglichen Bedarfs reichten die diskriminierenden Lebensmittelkarten für Juden kaum aus, die nur in bestimmten Geschäften und zu beschränkten Zeiten zum Bezug von Nahrung berechtigten. 1942 wurden auch diese Mittel noch einmal drastisch eingeschränkt. Sie erhielten beispielsweise kein Fleisch, keine Eier und keine Milch mehr, außerdem keine Weizenerzeugnisse wie Mehl und Weißbrot.

Wenige Tage nach der Geburt von Judis wurde ihr Großvater Alfred Freund im Zuge der willkürlichen Vergeltungsmaßnahmen nach dem Brandanschlag der Widerstandgruppe um Herbert Baum auf die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjet-Paradies“ am 27. Mai 1942 in Berlin verhaftet. Noch am selben Abend wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und dort mit 249 anderen Geiseln am Morgen des 28. Mai 1942 erschossen. Im Februar des darauffolgenden Jahres wurden ihre Großeltern väterlicherseits, Adolf und Hulda Seeliger, die zuletzt in Berlin in der Dragonerstraße 29 gelebt hatten, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Im Herbst 1943 wurden schließlich alle Familienmitglieder, die noch in der Wohnung Weinmeisterstraße 20 gelebt hatten, deportiert. Judis Seeliger, ihre Eltern, ihre Großmutter Rosa Freund und ihr Onkel Manfred Freund wurden am 10. September 1943 mit dem „42. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft am nächsten Tag – ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1908–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Berliner Telefonbuch 1908, 1932, 1934, 1936, 1940 und 1941. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021). Page of Testimony zu Hans Preuss; Hildegard Preuss sowie Marcus Wolff, erstellt von Ofra Karo.
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Geburtsanzeige Alfred Freund (Nr. 1404, Berlin am 21. Juni 1885). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eheanzeige Alfred Freund und Rosa Marcus (Nr. 158, Berlin am 12. April 1910). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Edith Seeliger, geb. Freund, „42. Osttransport“ (Lfd-Nr. 16); Arthur Seeliger (Lfd-Nr. 15); Judis Seeliger (Lfd-Nr. 49); Manfred Freund (Lfd-Nr. 11); Rosa Freund, geb. Marcus (Lfd-Nr. 51); Hulda Seeliger, „30. Osttransport“ (Lfd-Nr. 69); Arthur Seeliger (Lfd-Nr. 1094). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Joachim Edith Seeliger in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Edith-S... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Alfred Freund. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Alfred Freund. Totenbuch KZ Sachsenhausen 1936–1945. Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Online unter: https://www.stiftung-sbg.de/totenbuch (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Alfred Freund. Namentliche Verzeichnis zu 154 Männern, erstellt von der Staatspolizeileitstelle Berlin mit dem Titel „Sonderaktion gegen Juden vom 27. / 28. Mai 1942“. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).