Lina Jacoby

Verlegeort
Prinzregentenstr. 7
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
12. April 2010
Geboren
24. April 1879 in Treptow (Pommern)
Deportation
am 19. Januar 1942 nach Riga
Ermordet
Biografie

Lina Jacoby wurde am 24. April 1879 in Treptow an der Rega (Trzebiatów, Polen) im Landkreis Greifenberg im Regierungsbezirk Köslin der preußischen Provinz Pommern geboren. Lina erhielt ihren Namen in Erinnerung an die verstorbene Mutter ihres Vaters, Lina Jacoby geborene Exiner. Für ihre Eltern, den Handelsmann Hermann Jacoby (*1836) und dessen Ehefrau Johanna Jacoby geborene Neumann (*1838), war sie das jüngste Kind von insgesamt sechs Kindern. Arthur (*15. Januar 1867) war zwölf Jahre, Siegfried (*23. August 1868) elf Jahre, Berthold (*1. November 1869) 10 Jahre, Therese (*25. Dezember 1870) neun Jahre und Flora (*6. April 1877) zwei Jahre älter als sie.

Die Familie Jacoby siedelte vermutlich Anfang der 1890er Jahre nach Berlin über. Lina war noch ein Kind von ca. 11 Jahren. In Berlin erlernte sie den Beruf einer Verkäuferin und Buchhalterin.

Am 28. August 1896 heiratete der zweitälteste Bruder Siegfried die aus Berlin stammende Johanna Tuchler (*2. September 1874). Am 15. März 1900 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Martin Julius nannten.

Ein Jahr nach Siegfried heiratete auch der drittälteste Bruder Berthold am 18. März 1897 die sieben Jahre ältere Schneiderin Dora Bottstein (*18. Mai 1962). Berthold war Schneidermeister für Damenkonfektion und leitete seit 1908 eine „Konfektions-Arbeitsstelle“ in der Zellestraße 10 in Berlin-Friedrichshain. Die Ehe blieb kinderlos.

Am 27. April 1904 meldete das Jüdische Krankenhaus den Tod von Hermann Jacoby, Linas Vater. Er war mit 68 Jahren als Rentier gestorben. Die Familie wohnte damals in der Friedrichstraße 16 in Berlin-Mitte. Lina war zu dem Zeitpunkt 25 Jahre alt.

Die älteste Schwester Therese, Kontoristin von Beruf, heiratete mit 48 Jahren am 27. März 1919 den 41-jährigen Kaufmann Otto Wiener. Sie wohnten in der Siemensstraße 79 in Berlin-Steglitz.

Linas ältester Bruder, der Kaufmann Arthur Jacoby, heiratete mit 52 Jahren am 26. August 1919 Johanna Silberstein (*2. Februar 1872). Er wohnte damals in der Brunnenstraße 16. Siegfried Jacoby, der zweitälteste Bruder, war Treuzeuge und lebte zu der Zeit mit seiner Familie in Halle an der Saale.

Linas Mutter Johanna Jacoby geborene Neumann starb mit 82 Jahren am 23. März 1920. Sie hatte bis zum Schluss mit ihren beiden unverheirateten Töchtern, der damals 43-jährigen Flora und der 41-jährigen Lina, in der Prinzregentenstraße 7 in Wilmersdorf zusammengewohnt. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Etwa einen Monat später, am 27. April 1920, wurde Wilmersdorf der 9. Verwaltungsbezirk der neuen Stadtgemeinde Groß-Berlin. 

1928 wanderte Linas einziger Neffe, Martin Julius Jacoby, nach New York City in den USA aus.

Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wurden die Rechte der Juden und Jüdinnen zunehmend eingeschränkt. Am 1. April 1933 verkündete das Nazi-Regime den Boykott jüdischer Händler, Handwerker, Anwälte und Ärzte, begleitet von intensiver antisemitischer Propaganda, die behauptete, dass der Boykott eine Reaktion auf die feindliche Einstellung ausländischer Juden gegenüber dem neuen Regime sei.

Am 10. Dezember 1936 wanderten Linas 68-jähriger Bruder Siegfried und ihre Schwägerin, die 62-ährige Johanna, nach New York City zu ihrem Sohn Martin aus.

Noch 1940 standen Lina und ihre Schwester Flora im amtlichen Fernsprechbuch von Berlin, jeweils mit dem Zwangsnamen „Sara“. Den Schwestern blieb der Umzug in eine Zwangswohnung erspart. Anfang des Jahres 1942 erhielten sie als erste der Familie den Deportationsbefehl. Wo es hinging, wussten sie nicht. Zusammen mit 1004 Leidensgenossen und -genossinnen transportierte die Gestapo sie mit dem 9. Osttransport in das Ghetto Riga. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Ghetto starben sie vermutlich kurze Zeit später. Lina starb mit 62 Jahren. Flora Jacob starb mit 64 Jahren.

Ihr Neffe Martin wurde am 15. Februar 1942 zur US-Army einberufen. Einen Monat später, am 19. März 1942, starb sein Vater Siegfried mit 73 Jahren eines natürlichen Todes in New York.

Bei der „Vergeltungsaktion“ nach dem Anschlag der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum auf die Propaganda-Ausstellung „Das Sowjetparadies“ wurde Berthold Jacoby am 27. Mai 1942 verhaftet, in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort am 8. Juni 1942 erschossen. Bertholds 80-jährige Witwe Dora deportierte die Gestapo am 20. August 1942 nach Theresienstadt und einen Monat später in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie am 23. September 1942 ermordet wurde. Für Berthold und Dora Jacoby wurden 2016 Stolpersteine in der Zellestraße 10 in Berlin-Friedrichshain verlegt.

Linas Bruder Arthur wurde am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt und von dort am 26. September 1942 ebenfalls in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo er mit 75 Jahren ermordet wurde.

Ihre Schwester Therese und deren Ehemann Otto Wiener deportierte die Gestapo am 14. September 1942 nach Theresienstadt. Therese starb mit 73 Jahren am 17. Februar 1943 an Darmkatarrh. Ihr Ehemann Otto starb einen Monat später, am 29. März 1943.