Lotte Klingelhöfer geb. Kann

Verlegeort
Hohenzollerndamm 201
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
29. September 2010
Geboren
08. Februar 1908 in Schweinfurt
Deportation
am 04. März 1943 nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz
Biografie

Lotte Kann wurde am 8. Februar 1908 in Schweinfurt geboren. Ihr Vater, der Kaufmann Isidor, genannt Max, Kann (*24. August 1877) kam aus Rheinböllen im Kreis Simmern und hatte fünf Geschwister. Ihre Mutter Rosa geborene Idstein (*24. März 1878) war in Mannheim geboren und hatte acht Geschwister. In Mannheim heirateten Lottes Eltern am 19. Dezember 1905. Nach der Heirat zogen sie nach Schweinfurt in Bayern, wo auch Lottes ältere Schwester Greta am 29. September 1906 zur Welt gekommen war. 

Am 7. Dezember 1909 starb Lottes Großmutter mütterlicherseits, Rebecca, genannt Babette oder Friedericke, Idstein geborene Kahn (*17. Dezember 1843 in Arheilgen) mit 65 Jahren in Mannheim. Fünf Jahre später, am 13. Dezember 1914, starb auch ihr Großvater Feist Idstein (*8. Oktober 1839 in Babenhausen) mit 75 Jahren in Mannheim. Vermutlich wohnte die Familie Kann zu dieser Zeit nicht mehr in Schweinfurt, sondern wieder in Mannheim.

Von August 1914 bis 1918 nahm Lottes Vater am Ersten Weltkrieg teil und war in Aschaffenburg stationiert. Lottes jüngster Bruder Heinz wurde mitten im Krieg am 23. Juli 1916 in Mannheim geboren.

Es ist anzunehmen, dass Lotte eine höhere Bildung genoss. Wann und wo sie den Bankier Carl Klingelhöfer (*16. April 1899) aus Metz kennenlernte und heiratete, ist nicht bekannt. Vermutlich kamen sie 1930 als verheiratetes Paar zusammen nach Berlin. Lottes Ehemann Carl trat eine Stelle als Bankdirektor an. Sie wohnten 1931 in der Seydlitzstraße 51 in Berlin-Lankwitz. Am 27. Dezember 1931 wurde Lotte mit 23 Jahren Mutter eines Sohnes, den sie Hans-Joachim nannten.

Am 6. September 1934 starb Lottes Vater, der Kaufmann Isidor Kann, mit 57 Jahren in Mannheim. Lottes Onkel, der Bürgermeister Salomon Idstein, meldete seinen Tod beim Standesamt in Mannheim. Isidor Kann wurde auf dem jüdischen Friedhof in Mannheim beigesetzt. Charlottes verwitwete Mutter Rosa Idstein lebte fortan bei ihrem jüngeren Bruder Otto Idstein (*27. Dezember 1879) und seiner Ehefrau Selma geborene Ehrlich (*14. Juni 1892).

Das Berliner Adressbuch führte Carl Klingelhöfer 1935 als „Bankdirektor außer Dienst“ in der Nassauischen Straße 61 in Berlin-Wilmersdorf. Vermutlich durfte Lottes Ehemann seinen Beruf nicht weiter ausüben, weil er keine „rein arische Abstammung“ nachweisen konnte. Seine Mutter Karoline Klingelhöfer geborene Kahn war jüdischer Abstammung, was ihn zum „Halbjuden“ machte; und durch die Heirat mit seiner Frau wurde er im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten zum „Geltungsjuden“.

Seit 1936 wohnte die Familie Klingelhöfer in einer 3-Zimmer-Wohnung des II. Portals (Aufgangs) im III. Stock links am Hohenzollerndamm 201. 

Lottes 29-jährige Schwester Greta Kann und ihr 20-jähriger Bruder Heinz Kann wanderten am 27. Juli 1936 nach New York aus. 1940 holten sie ihre Mutter Rosa Kann nach. Sie kam am 16. Mai 1940 über Genua nach New York, wo sie sich Rose nannte.

Am 1. Dezember 1940 wurde den Klingelhöfers die 68-jährige Witwe Margarete Adolfine Stern (*23. Dezember 1871 in Berlin), die vorher ca. zwei Jahre in der Nassauischen Straße 61 gewohnt hatte, zur Untermiete eingewiesen. Sie lebte bei ihnen in einem möblierten Zimmer.

Es ist davon auszugehen, dass Lotte ebenso wie ihr Ehemann Carl seit 1941 Zwangsarbeit leisten musste. Ihr 10-jähriger Sohn durfte nicht mehr in die öffentliche Schule gehen und blieb bis September 1942 zuhause bei der Untermieterin Margarete Stern. Am 3. Oktober 1942 deportierte die Gestapo Margarete Stern nach Theresienstadt, wo sie aufgrund der unmenschlichen Zustände im Ghetto zwei Tage nach ihrem 71. Geburtstag am 25. Dezember 1942 starb. Für Margarete Stern wurde am 15. April 2010 in der Nassauischen Straße 61 ein Stolperstein verlegt. 

Vermutlich wurde Lotte, wie auch ihr Ehemann Carl, am 27. Februar 1943 im Rahmen der „Fabrikaktion“ von der Gestapo festgesetzt. Nachdem Carl am 2. März deportiert wurde, blieben Lotte und Hans-Joachim zusammen im Sammellager. Sie wurden mit 1.140 anderen Personen am 4. März 1943 mit dem „34. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert. Zum Arbeitseinsatz gelangten 389 Männer (Buna) und 96 Frauen. „Sonderbehandelt“ wurden 151 Männer und 492 Frauen und Kinder. Höchstwahrscheinlich gehörten Lotte und ihr Sohn Hans-Joachim zu den Menschen, die nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau sofort in die Gaskammer geführt und dort ermordet wurden. Lotte Klingelhöfer geborene Kann starb mit 35 Jahren und ihr Sohn Hans-Joachim mit 11 Jahren.