Boris Schönhaus

Verlegeort
Sophienstr. 32
Bezirk/Ortsteil
Mitte
Verlegedatum
2011
Geboren
04. Februar 1898
Beruf
Mineralwasserfabrikant
Deportation
am 02. Juni 1942 nach Majdanek
Ermordet
16. August 1942 im KZ Majdanek
  • Boris Schönhaus © OTFW
    Boris Schönhaus © OTFW

    Boris Schönhaus © OTFW

Boris (Beer) Schönhaus wurde am 4. Februar 1898 in der weißrussischen Hauptstadt Minsk im damaligen russischen Zarenreich als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Er war für kurze Zeit Kompanieschreiber bei der Roten Armee, bevor er desertierte, um seiner zukünftigen Frau nach Berlin zu folgen. Er heiratete die ebenfalls aus Minsk stammenden Fanja (Feiga) Bermann 1920 in Berlin. Am 28. September 1922 kam hier ihr einziges Kind Samson, genannt Cioma, zur Welt. Als ihnen die russische Staatsangehörigkeit entzogen wurde, waren sie staatenlos. <br />
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In Berlin machte Boris Schönhaus eine Ausbildung als Chemiker. 1926 ging die Familie für kurze Zeit nach Palästina. Sie ließen sich im Rischon LeZion nieder, der ersten landwirtschaftlichen Kolonie, die 1882 von russischen Siedler*innen südlich von Jaffa gegründet worden war. Aber bereits ein Jahr später kehrten sie nach Berlin zurück, da ihr Sohn erkrankte und die medizinische Versorgung in Palästina dürftig war.<br />
<br />
1929 gründete Boris Schönhaus in Berlin eine Mineralwasserfabrik in der Brunnenstraße 156, die er einige Jahre später in die Sophienstraße 32/33 verlegte. Mit seiner Familie wohnte er in der Hirtenstraße 44 und von 1933 bis 1935 in der Würzburger Straße 17, bevor er schließlich an den Standort der Firma in die Sophienstraße 32/33 umzog.<br />
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In den Anfangsjahren lief der Betrieb sehr gut, Boris Schönhaus beschäftigte sieben Arbeiter und Hilfsarbeiter sowie drei Kutscher, die das Mineralwasser mit Pferdewagen auslieferten. Später wurden ein Lastwagen und ein dreirädriger Goliath-Transporter angeschafft. Boris Schönhausʼ Sohn Cioma gab im Rückerstattungsverfahren an, dass der Betrieb noch 1935 einen sehr beachtlichen Kundenstamm hatte. Vor allem große Restaurants in der City und am Kurfürstendamm, im Grunewald sowie Gartenrestaurants in der Berliner Umgebung zählten zur Kundschaft. Ab 1936 wurde das Geschäft schwer von den antisemitischen Boykotten getroffen und die Umsätze gingen stark zurück. Als 1938 allen jüdischen Unternehmen die Gewerbeerlaubnis entzogen wurde, musste der Betrieb zwangsweise schließen, die Maschinen, Lieferwagen und das Flaschenlager wurden weit unter Wert verkauft und der Erlös auf ein Sperrkonto eingezahlt. Boris Schönhaus musste eine „Judenvermögensabgabe“ von 30.000 RM zahlen und in der Folgezeit schwerste Zwangsarbeit als Erdarbeiter beim Tiefbau leisten.<br />
<br />
Das Wohnhaus in der Sophienstraße 32/33 wurde 1941 bei einem Luftangriff getroffen. Zwar blieb das Hinterhaus, in dem Familie Schönhaus wohnte, unversehrt, doch wurden sie gezwungen, ihre Wohnung sofort für die ausgebombten Bewohner*innen des Vorderhauses zu räumen. Sie zogen zu Verwandten von Fanja Schönhaus in die Münzstraße 11, wo sie sich in der fünften Etage zu dritt ein Zimmer teilen mussten.<br />
<br />
Da die Lebensmittelrationen für die jüdische Bevölkerung völlig unzureichend waren, kaufte Boris Schönhaus Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt. Er wurde deshalb verhaftet und zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im Strafgefängnis Tegel musste er außerhalb von Berlin Abfall sortieren. Vom Gefängnis aus wurde er Anfang Juni 1942 in die Sammelstelle Levetzowstraße verschleppt und zusammen mit seiner Frau mit dem „14. Osttransport“ deportiert. Es wurde vielfach angenommen, dass dieser Deportationszug Berlin am 13. Juni 1942 verließ, korrekt ist aber der 2. Juni 1942. Auch das Ziel war lange unklar, Cioma Schönhaus erhielt im Zuge des Rückerstattungsverfahrens die Information, seine Eltern seien nach Theresienstadt deportiert worden. Doch offenbar endete der „14. Osttransport“ im Vernichtungslager Sobibór. 36 der insgesamt 746 an diesem Tag aus Berlin Deportierten mussten bei einem Zwischenhalt in Lublin aussteigen und wurden ins KZ Majdanek verschleppt Boris Schönhaus war unter ihnen. Von dort gelang es ihm, eine Postkarte an seinen Sohn und die Familie seiner Frau zu schicken. Er schrieb: „Meine Lieben, ich bin hier gut angekommen. Habt ihr etwas von Fanja gehört? Ich suche Mama überall. Cioma hat in allem recht gehabt. Ich bin glücklich, dass er nicht bei uns ist. Lebt wohl, Euer Beba.“ Boris Schönhaus wurde am 16. August 1942 im Majdanek ermordet. Seine Frau wurde vermutlich unmittelbar nach der Ankunft in Sobibór ermordet.<br />
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Cioma Schönhaus, der eigentlich zusammen mit seinen Eltern deportiert werden sollte, war aufgrund eines Reklamationsschreibens der Zwangsarbeitsfirma Gustav Genschow von der Deportation zurückgestellt worden. Er tauchte in Berlin unter. Als Teil eines Netzwerks, dem auch Mitglieder der Bekennenden Kirche angehörten, fälschte er Pässe für sich und zahlreiche weitere Verfolgte. Als er bereits steckbrieflich gesucht wurde, gelang es ihm im Herbst 1943, mit dem Fahrrad, getarnt als Wehrmachtssoldat auf Heimurlaub, in die Schweiz zu fliehen, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. 2004 veröffentlichte Cioma Schönhaus seine Autobiografie „Der Passfälscher“, deren Verfilmung 2022 bei der Berlinale gezeigt wurde. Er starb 2015, kurz vor seinem 93. Geburtstag. Boris Schönhausʼ Enkel Sascha und David Schönhaus gründeten in den 1990er-Jahren die Klezmerband Bait Jaffe („schönes Haus“).

Boris (Beer) Schönhaus wurde am 4. Februar 1898 in der weißrussischen Hauptstadt Minsk im damaligen russischen Zarenreich als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Er war für kurze Zeit Kompanieschreiber bei der Roten Armee, bevor er desertierte, um seiner zukünftigen Frau nach Berlin zu folgen. Er heiratete die ebenfalls aus Minsk stammenden Fanja (Feiga) Bermann 1920 in Berlin. Am 28. September 1922 kam hier ihr einziges Kind Samson, genannt Cioma, zur Welt. Als ihnen die russische Staatsangehörigkeit entzogen wurde, waren sie staatenlos.

In Berlin machte Boris Schönhaus eine Ausbildung als Chemiker. 1926 ging die Familie für kurze Zeit nach Palästina. Sie ließen sich im Rischon LeZion nieder, der ersten landwirtschaftlichen Kolonie, die 1882 von russischen Siedler*innen südlich von Jaffa gegründet worden war. Aber bereits ein Jahr später kehrten sie nach Berlin zurück, da ihr Sohn erkrankte und die medizinische Versorgung in Palästina dürftig war.

1929 gründete Boris Schönhaus in Berlin eine Mineralwasserfabrik in der Brunnenstraße 156, die er einige Jahre später in die Sophienstraße 32/33 verlegte. Mit seiner Familie wohnte er in der Hirtenstraße 44 und von 1933 bis 1935 in der Würzburger Straße 17, bevor er schließlich an den Standort der Firma in die Sophienstraße 32/33 umzog.

In den Anfangsjahren lief der Betrieb sehr gut, Boris Schönhaus beschäftigte sieben Arbeiter und Hilfsarbeiter sowie drei Kutscher, die das Mineralwasser mit Pferdewagen auslieferten. Später wurden ein Lastwagen und ein dreirädriger Goliath-Transporter angeschafft. Boris Schönhausʼ Sohn Cioma gab im Rückerstattungsverfahren an, dass der Betrieb noch 1935 einen sehr beachtlichen Kundenstamm hatte. Vor allem große Restaurants in der City und am Kurfürstendamm, im Grunewald sowie Gartenrestaurants in der Berliner Umgebung zählten zur Kundschaft. Ab 1936 wurde das Geschäft schwer von den antisemitischen Boykotten getroffen und die Umsätze gingen stark zurück. Als 1938 allen jüdischen Unternehmen die Gewerbeerlaubnis entzogen wurde, musste der Betrieb zwangsweise schließen, die Maschinen, Lieferwagen und das Flaschenlager wurden weit unter Wert verkauft und der Erlös auf ein Sperrkonto eingezahlt. Boris Schönhaus musste eine „Judenvermögensabgabe“ von 30.000 RM zahlen und in der Folgezeit schwerste Zwangsarbeit als Erdarbeiter beim Tiefbau leisten.

Das Wohnhaus in der Sophienstraße 32/33 wurde 1941 bei einem Luftangriff getroffen. Zwar blieb das Hinterhaus, in dem Familie Schönhaus wohnte, unversehrt, doch wurden sie gezwungen, ihre Wohnung sofort für die ausgebombten Bewohner*innen des Vorderhauses zu räumen. Sie zogen zu Verwandten von Fanja Schönhaus in die Münzstraße 11, wo sie sich in der fünften Etage zu dritt ein Zimmer teilen mussten.

Da die Lebensmittelrationen für die jüdische Bevölkerung völlig unzureichend waren, kaufte Boris Schönhaus Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt. Er wurde deshalb verhaftet und zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im Strafgefängnis Tegel musste er außerhalb von Berlin Abfall sortieren. Vom Gefängnis aus wurde er Anfang Juni 1942 in die Sammelstelle Levetzowstraße verschleppt und zusammen mit seiner Frau mit dem „14. Osttransport“ deportiert. Es wurde vielfach angenommen, dass dieser Deportationszug Berlin am 13. Juni 1942 verließ, korrekt ist aber der 2. Juni 1942. Auch das Ziel war lange unklar, Cioma Schönhaus erhielt im Zuge des Rückerstattungsverfahrens die Information, seine Eltern seien nach Theresienstadt deportiert worden. Doch offenbar endete der „14. Osttransport“ im Vernichtungslager Sobibór. 36 der insgesamt 746 an diesem Tag aus Berlin Deportierten mussten bei einem Zwischenhalt in Lublin aussteigen und wurden ins KZ Majdanek verschleppt Boris Schönhaus war unter ihnen. Von dort gelang es ihm, eine Postkarte an seinen Sohn und die Familie seiner Frau zu schicken. Er schrieb: „Meine Lieben, ich bin hier gut angekommen. Habt ihr etwas von Fanja gehört? Ich suche Mama überall. Cioma hat in allem recht gehabt. Ich bin glücklich, dass er nicht bei uns ist. Lebt wohl, Euer Beba.“ Boris Schönhaus wurde am 16. August 1942 im Majdanek ermordet. Seine Frau wurde vermutlich unmittelbar nach der Ankunft in Sobibór ermordet.

Cioma Schönhaus, der eigentlich zusammen mit seinen Eltern deportiert werden sollte, war aufgrund eines Reklamationsschreibens der Zwangsarbeitsfirma Gustav Genschow von der Deportation zurückgestellt worden. Er tauchte in Berlin unter. Als Teil eines Netzwerks, dem auch Mitglieder der Bekennenden Kirche angehörten, fälschte er Pässe für sich und zahlreiche weitere Verfolgte. Als er bereits steckbrieflich gesucht wurde, gelang es ihm im Herbst 1943, mit dem Fahrrad, getarnt als Wehrmachtssoldat auf Heimurlaub, in die Schweiz zu fliehen, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. 2004 veröffentlichte Cioma Schönhaus seine Autobiografie „Der Passfälscher“, deren Verfilmung 2022 bei der Berlinale gezeigt wurde. Er starb 2015, kurz vor seinem 93. Geburtstag. Boris Schönhausʼ Enkel Sascha und David Schönhaus gründeten in den 1990er-Jahren die Klezmerband Bait Jaffe („schönes Haus“).