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Ida Mielzynski

VERLEGEORT
Krausnickstraße 8

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte

GEBOREN
01.11.1881 in Gnesen (Posen) / Gniezno
DEPORTATION
am 18.05.1943 nach Theresienstadt
ERMORDET

Als für Ida und Alice Wielzynski Stolpersteine verlegt wurden, war über die beiden Frauen so gut wie nichts bekannt. Einzig die Informationen aus dem Gedenkbuch gaben Anhaltspunkte für weitere Nachforschungen: die Geburtsdaten, das Datum der Deportation nach Theresienstadt und die Adresse Krausnickstr. 8.

Erst eine Recherche, die ich über den Säugling Berl Hirschfeld (s. dort) durchführte, brachte Klarheit über die Identität der beiden Frauen. Berl Hirschfeld wurde im Alter von knapp fünf Monaten deportiert, ebenfalls aus der Krausnickstr. 8, im selben Transport wie Ida und Alice Mielzynski. Es war klar, dass sich das Kind unter der Obhut der beiden Frauen befunden haben musste. Über eine Familie Wielzynski war jedoch nichts in Erfahrung zu bringen – weder in den Berliner Adressbüchern noch in sonstigen Quellen zu Opfern des Nationalsozialismus. Als ich nach einer Frau mit Namen Hirschfeld suchte, die 1942 ein Kind geboren haben konnte, stieß ich auf Dorothea Hirschfeld, eine geborene Mielzynski. Weitere Nachforschungen ergaben, dass tatsächlich eine fehlerhafte Schreibung vorliegt und die beiden Frauen in Wirklichkeit Ida und Alice Mielzynski hießen.

Ida Mielzynski wurde am 1. November 1881 in Gnesen (heute: Gniezno / Polen) in der damals preußischen Provinz Posen geboren. Sie war die Tochter von Sally Budzislawski und seiner Frau Adele, geb. Löwenthal. Nach dem Besuch der Mittelschule lernte sie Verkäuferin. In Berlin heiratete Ida den Schneider Robert Mielzynski und brachte drei Töchter zur Welt: Alice (1905), Dorothea (1908) und Babette (1912). Die Familie lebte erst in der Immanuelkirchstr. 31, später in der Marienburger Str. 2 im Hinterhaus. Zwischen 1920 und 1925 ist die Familie nicht im Adressbuch verzeichnet, vermutlich lebten sie zur Untermiete. Ab 1926 ist Robert Mielzynski wieder aufgeführt, er betrieb eine Uniformschneiderei im Wedding. Von 1933 bis 1938 ist er als Schneidermeister in der Wiesenstr. 15 aufgeführt, seine Frau Ida wohnte damals vermutlich schon in der Linienstr. 239.

Die jüngste Tochter Babette heiratete im Mai 1933 den „Arier“ Hans Hoier. Zusammen mit ihrer 4-jährigen Tochter Ingrid gelang ihr im Juli 1939 die Flucht nach England, wohin ihr Mann schon vorher ausgereist war. Die Familie emigrierte später weiter nach Australien.

Im Juni 1938 wurde Idas Mann, Robert Mielzynski, im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ ins KZ Buchenwald verschleppt. Diese Verhaftungswelle, auch als „Juni-Aktion“ bekannt, traf über 9000 Männer, davon mehr 2300 Juden, die als „asozial“ eingestuft wurden – wegen geringfügiger oder lange zurückliegender Vergehen wie das Übertreten von Verkehrs- oder Devisenvorschriften. Bis März 1942 war Robert Mielzynski in Buchenwald inhaftiert, dann wurde er ins KZ Natzweiler überstellt. Von August bis Oktober 1942 war er im KZ Dachau und am 19. Oktober 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert. Dort kam er einen Monat später ums Leben.

Zum Zeitpunkt der Volkszählung 1939 war Ida Mielzynski mit ihren Töchtern Alice und Dorothea sowie Dorotheas Ehemann Martin Hirschfeld in der Linienstr. 239 wohnhaft; wahrscheinlich lebte sie schon seit 1933 dort, im Straßenverzeichnis des Adressbuchs ist ab diesem Zeitpunkt eine Frau I. Mielzynski aufgeführt. Der letzte, vermutlich nicht frei gewählte Wohnsitz der Familie war in der Krausnickstr. 8.

Martin Hirschfeld, schon lange bei der Jüdischen Gemeinde angestellt, war zur Zeit der Deportationen als Stammordner im Sammellager Große Hamburger Straße eingesetzt. Im Februar 1943, während der sogenannten Fabrik-Aktion, gelang es ihm, seine Schwägerin Alice Mielzynski vor der Deportation zu bewahren. Im Mai 1943 allerdings waren offenbar alle Bemühungen vergeblich: Schwägerin Alice Mielzynski und Schwiegermutter Ida wurden nach Theresienstadt verschleppt. Zusammen mit ihnen wurde der gerade fünf Monate alte Berl Hirschfeld deportiert, der Sohn von Martin und Dorothea Hirschfeld. Seine Mutter lag zu dieser Zeit im Krankenhaus – wahrscheinlich aus diesem Grund wurde ihr Kind mit seiner Großmutter und Tante zusammen deportiert. In Theresienstadt kümmerte sich Ida Mielzynski um ihr kleines Enkelkind. Sie war im Säuglingsheim zur Arbeit eingesetzt, musste dort alle Hausarbeiten verrichten, die Kinder beaufsichtigen und pflegen. Untergebracht war sie auf einem völlig überfüllten Dachboden.

Ihre Tochter Dorothea kam mit ihrem Mann Martin schließlich im August 1943 nach Theresienstadt. Dort lebten sie noch über ein Jahr, bis sie am 6. Oktober 1944 zusammen mit ihrem jetzt 4-jährigen Söhnchen nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Ida Mielzynski überlebte Theresienstadt, ebenso wie ihre Tochter Alice: Als im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Himmler und dem ehemaligen Schweizer Bundespräsidenten Musy 1200 Häftlinge aus Theresienstadt in die Schweiz ausreisen konnten, meldeten sich beide Frauen, wenn auch misstrauisch, für den Transport an. Am 5. Februar 1945 bestiegen sie den Zug, kurz vor der Schweizer Grenze durften sie endlich ihre „Judensterne“ abreißen und gelangten am 7. Februar 1945 nach St. Gallen.

Drei Jahre lang lebte Ida Mielzynski in verschiedenen Auffanglagern und Flüchtlingsheimen, sie war herzkrank. Am 14. Juni 1948 reiste sie zu ihrer Tochter Babette nach Australien aus, wo sie am 6. August 1949 starb. Ihre Tochter Alice heiratete im Dezember 1945 den Schweizer Marcel Monnier und lebte mit ihm in Biel. 1946 schenkte sie einem Sohn das Leben. Sie starb am 30. Juni 1990.


Einige Angaben auf dem Stolperstein haben sich als falsch herausgestellt, in den Transportlisten wurde der Name fälschlich mit "Wielzynski" angegeben. Der Name lautet richtig "Mielzynski". Ida Mielzynski und ihre Tochter Alice haben Theresienstadt überlebt.

Biografische Zusammenstellung

Text und Recherche: © Helga Gläser