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Horst Spieler

Stolperstein für Horst Spieler (Bild: Projekt-Stolpersteine)
Stolpersteine vor dem "Haus Kinderschutz" (Bild: Projekt-Stolpersteine)
VERLEGEORT
Claszeile 57

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Zehlendorf
VERLEGEDATUM
29.03.2017

GEBOREN
14.11.1930 in Berlin-Buchholz
DEPORTATION
am 23.03.1944 von Berlin nach Hadamar
ERMORDET IM RAHMEN DES "EUTHANASIE"-PROGRAMMS
11.04.1944 in Hadamar

Horst Spieler war einer von fünf Jungen aus dem „Haus Kinderschutz“, die in der Tötungsanstalt
Hadamar ermordet wurden. Er wurde am 11. April 1944 um 4.30 Uhr ermordet.
Horst Spieler wurde am 14. November 1930 in Berlin-Buchholz als einziges Kind der Eheleute
Siegmund und Charlotte Spieler, geh. Wölms geboren. Unter Personenstandsangaben ist über Horst vermerkt: "evangelisch getauft, Mischling 1. Grades", ,,Volksdeutscher", wohnhaft bei der Mutter in Berlin-Mitte. Der jüdische Vater, von Beruf Steindrucker, war nicht Mitglied der jüdischen
Gemeinde und wurde seit 1934 vermisst. Über die Mutter erfährt man aus der Mitteilung an das
Vormundschaftsgericht vom März 1943, sie sei "arisch", "gottgläubig", von Beruf Verkäuferin im
Kaufhaus Hertie am Halleschen Tor, ohne Vermögen, aber mit einem "täglichen Verdienst von
6,50". In der Begründung für seine anzuordnende Fürsorgeerziehung wurde festgestellt, Horst sei bereits 1940 kriminalpolizeilich auffällig geworden und daraufhin intensiv vom Jugendamt betreut und in einem Hort untergebracht worden. Von dort entlaufen, habe er sich herumgetrieben und sei deswegen in das "Kinderheim Borgsdorf" eingewiesen worden. Der untersuchende Arzt riet von einer sofortigen Heimunterbringung ab, empfahl aber dafür zu sorgen, dass der Junge nicht sich selbst überlassen, sondern einem anderen Hort zugewiesen werde, in dem er Schulkameraden habe und sich heimisch fühlen könne.
Im März 1941 kam Horst wieder zur Mutter zurück und verhielt sich bis Ende 1942 "ordentlich".
Dann gab er wieder zu Klagen Anlass, denn die alleinerziehende berufstätige Mutter konnte ihn
nicht genügend beaufsichtigen. So kam er im Verlauf des Jahres 1943 in mehrmaligem Wechsel in das "Haus Kinderschutz" und das "Grüne Haus" in Tegel. Aus beiden Heimen lief er immer wieder weg. Das Gutachten des Heimleiters Böhme hielt fest, dass Horst bei allen Verhaltensauffälligkeiten noch sehr verspielt und kindlich sei. Obwohl er sich nach eigenen Worten im "Haus Kinderschutz" wohl fühle, habe er doch Probleme mit der Heimunterbringung. Bei "verständnisvoller Führung", stellte Böhme fest, könnten die Fehlentwicklungen seines Verhaltens durchaus behoben werden, "zumal der Jugendliche nie widersetzlich ist". Schließlich wurde Horst am 1. Februar 1944 in ein Erziehungsheim in Dlutowo in Süd-Ostpreußen gebracht. Nachdem man ihm, eine Straftat vermutend, eine Ledertasche mit 70,- RM abgenommen hatte, die er in Zehlendorf gefunden zu haben behauptete, versuchte er auch vom "Landerziehungsheim Dlutowo" wegzulaufen. Für 23./24. März 1944 ist die Aufnahme von Horst Spieler in Hadamar dokumentiert. Die wie üblich fingierten Erkrankungen "Darmgrippe" und "Herzschwäche" wurden vom Chefarzt Adolf Wahlmann am 10. April handschriftlich vermerkt, mit dem Zusatz "Mutter ist benachrichtigt". Das Heim in Süd- Ostpreußen stellte Hadamar die amtlichen Unterlagen, Reichskleiderkarte und Lebensmittelabmeldung sowie eine Geldbörse zu. Am Todestag, dem 11. April, erging per Telegramm die Todesnachricht nüchtern amtlich mit Aktennummer zugleich an die Mutter und an das Jugendamt in Berlin. Das Landesjugendamt Berlin fragte schriftlich am 3. Mai 1944 in Hadamar an, "ob die Eltern des verstorbenen minderjährigen Mischlings Horst Spieler von dem Tode ihres Sohnes benachrichtigt worden sind und welche Todesursache ihnen von dort mitgeteilt worden ist". Die Antwort aus Hadamar erfolgt am 15. Mai 1944: "Die Mutter des Obengenannten [ ... ]wurde von dem Ableben des Sp. in Kenntnis gesetzt. Sp. ist an Darmgrippe verstorben."


Siehe auch: Annegret Ehmann und Christoph Kreutzmüller, Die fünf Jungen aus dem "Haus Kinderschutz", in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 63. Jahrgang, Heft 12, 2015, S. 1057-1076.

Biografische Zusammenstellung

Annegret Ehmann und Christoph Kreutzmüller