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Hermine Lipschitz (geb. Menberg)

Stolperstein für Hermine Lipschitz; Foto: OTFW
VERLEGEORT
Bleibtreustraße 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
14.04.2015

GEBOREN
29.10.1880 in Breslau (Schlesien) / Wrocław (Polen)
DEPORTATION
am 14.12.1942 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Auf dem Stein steht fälschlicherweise, dass Hermine Lipschitz nach Riga deportiert wurde, Ziel der Deportation war aber Auschwitz.

Hermine Lipschitz kam am 29. Oktober 1880 in Breslau als Hermine Menberg zur Welt. Über ihre Eltern wissen wir nichts, weder in Breslauer noch in den Berliner Adressbüchern ist der Name Menberg zu finden. Es gibt allerdings einen Hinweis, dass der Name falsch notiert sein könnte und eigentlich Neuberg hieß. Dann könnte Hermine die Tochter des Getreidehändlers Julius Neuberg aus Breslau sein. Später verzeichnen Berliner Adressbücher auch einen Kaufmann Julius Neuberg, ein stichfester Beweis ist das jedoch nicht. Sicher ist, dass Hermine – wahrscheinlich in Berlin – den Zahnarzt Moses Lipschitz heiratete. Moses Lipschitz war 13 Jahre älter als Hermine und stammte aus Flatow in Westpreußen (heute Złotów). In Berlin ließ er sich bereits als 23-jähriger Zahnarzt nieder in der sehr zentralen Königstraße 53/54 (heute Rathausstraße), arbeitete aber auch in der Polyklinik für Zahn- und Mundkrankheiten in der Großen Frankfurter Straße. 1899 hatte er die Arbeit an der Klinik aufgegeben und Praxis sowie Wohnung in die Mohrenstraße 26 verlegt. Vielleicht war der Anlass für den Umzug die Heirat mit Hermine, die zu diesem Zeitpunkt allerdings erst 19 Jahre alt war. Möglich auch, dass die Heirat erst bei dem nächsten Umzug etwa zehn Jahre später erfolgte, diesmal in die Tauentzienstraße 9. Mit der Zeit spezialisierte sich Moses Lipschitz auf die Behandlung von Kindern und verfasste auch mehrere Fach- und Lehrbücher der Zahnheilkunde. Er war Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde, in deren Repräsentanten-Versammlung er der liberalen Fraktion angehörte und war im Vorstand des liberalen Vereins für Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Außerdem war er Gründer der Unterstützungskasse für Zahnärzte und Mitbegründer der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Wissenschaft. Wir können also annehmen, dass Hermine ein liberales und gebildetes Haus führte. Ob sie und Moses Kinder hatten, ist nicht dokumentiert.

Am Tauentzien blieben Moses und Hermine, bis sie 1933 in die Bleibtreustraße 17 zogen, in eine 6½ Zimmer-Wohnung im 1. Stock, in der Beletage. Auch dort betrieb Moses seine Praxis weiter, obwohl der Judenboykott vom 1. April 1933 schon deutlich machte, dass Antisemitismus nunmehr zur offiziellen Staatseinstellung gehören würde. Juden wurden immer mehr diskriminiert und erniedrigt, lediglich 1936 hielt sich die Regierung aufgrund der Olympiade zurück. Dann folgten wieder antijüdische Gesetze und Verordnungen, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensraum von Juden immer weiter einschränkten. Der Besuch jüdischer Ärzte war offiziell verpönt, viele Patienten blieben weg – dies wird auch die Praxis von Moses Lipschitz betroffen haben. Im September 1938 wurde jüdischen Ärzten die Approbation entzogen, sie durften sich nur noch „Krankenbehandler“ nennen und nur Juden behandeln. Zahnärzte verloren im Januar 1939 mit der „8. Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ ihre Approbation, durften den Doktortitel nicht mehr führen und nur noch jüdische Patienten betreuen, sie hatten sich „Zahnbehandler“ zu nennen. Diese Entwürdigung widerfuhr auch Moses Lipschitz, wie der Eintrag im Adressbuch 1941 dokumentiert.

Höhepunkt der antisemitischen Maßnahmen waren die vielen Verordnungen, die nach den Pogromen vom November 1938 erlassen wurden. Sie hatten zum Ziel Juden völlig aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Hermine und Moses konnten nun z. B. nicht mehr Theater oder Konzerte besuchen, sich frei auf der Straße bewegen oder ein Radio besitzen. Sie mussten auch „zusammenrücken“: Juden hatten für Nichtjuden Wohnraum frei zu machen. Lipschitzs sahen sich genötigt, Untermieter in ihrer Wohnung aufzunehmen: die Kinderärztin Dr. Lucie Adelsberger und deren Mutter Rosa. Über ihr eigenes Vermögen konnten Lipschitz’ nicht mehr frei verfügen, laut der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 durften Juden nur noch von einem „beschränkt verfügbaren Sicherheitskonto“ durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben.

An 9. Januar 1942 starb Moses Lipschitz und Hermine nahm noch einen Untermieter auf, den jüdischen Zahnarzt Benno Klein, der die Praxiseinrichtung als „Zahnbehandler“ weiter nutzte. Aber noch vor Ende des Jahres, im Dezember 1942, wurde Hermine von der Gestapo abgeholt und in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 eingewiesen, ein umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Am 14. Dezember wurde sie mit über 800 weiteren Opfern mit einem Deportationszug „nach dem Osten“ verschleppt. Lange Zeit dachte man, die Menschen seien in Riga umgekommen, heute weiß man, dass das Ziel Auschwitz war. Dort wurden nur die als „arbeitsfähig“ Geltenden nicht sofort ermordet. Selbst wenn die 62-jährige Hermine zu ihnen gezählt hätte, bedeutete dies den fast sicheren Tod. Inzwischen ist bekannt, dass von den „Arbeitsfähigen“ dieses Zuges die letzte Person schon im Februar 1943 ums Leben kam. Hermine Lipschitzs Todestag liegt zwischen dem 14. Dezember 1942 und Anfang Februar 1943.

Ihr beträchtliches Vermögen wurde vom NS-Staat beschlagnahmt, die Wohnungseinrichtung auf 916 RM geschätzt und versteigert. Der Gerichtsvollzieher erwähnte ausdrücklich eine Briefmarkensammlung, ,,Musikalben und ca. 100 Bücher, darunter Hebbel“.

Glück im Unglück hatten Hermines Untermieter. Dr. Lucie Adelsberger wurde – nachdem ihre Mutter kurz vorher gestorben war - am 17. Mai 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und in Auschwitz-Birkenau als Ärztin im Zigeuner- und Frauenlager eingesetzt. 1945 überlebte sie auch den „Todesmarsch“ und gelangte nach Ravensbrück, wo sie von der Roten Armee befreit wurde. Kurz danach schrieb sie „Auschwitz. Ein Tatsachenbericht“, der erst 1956 veröffentlicht wurde. Sie emigrierte in die USA und starb dort 1971. Dr. Benno Klein, durch seine nichtjüdische Frau vergleichsweise geschützt, praktizierte noch ein Jahr in der Bleibtreustraße, im Januar 1944 wurde auch er gezwungen, die Wohnung zu räumen und galt als „unbekannt verzogen“. Er überlebte den Krieg und starb 1976 in Berlin. Seine Mutter war die Sängerin Amalie Lilli Klein, für die ein Stolperstein vor der Kantstraße 129 liegt (https://www.berlin.de/ba-charlotten...).

Text: . Quellen: Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Akten der Oberfinanzdirektion; Gottwaldt/Schulle, Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005


Biografische Zusammenstellung

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf