Martin Fleischmann

Verlegeort
Stockholmer Str. 28
Historischer Name
Stockholmer Str. 29
Bezirk/Ortsteil
Gesundbrunnen
Verlegedatum
2010
Geboren
22. November 1892
Beruf
Schneidermeister
Ermordet
in Berlin
  • Stolperstein Martin Fleischmann © OTFW
    Stolperstein Martin Fleischmann © OTFW

    Stolperstein Martin Fleischmann © OTFW

Martin Fleischmann wurde am 22. November 1892 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule machte er eine Ausbildung als Damenschneider und legte 1910 die Gesellenprüfung ab. Im Ersten Weltkrieg war er Husarenoffizier, politisch war er deutschnational eingestellt. <br />
Am 11. September 1926 heiratete Martin Fleischmann auf dem Standesamt Wedding die zwölf Jahre jüngere Elli Müncheberg. die ebenfalls gebürtige Berlinerin war. Wenige Wochen später, am 3. November, wurden die Zwillinge Sonja und Waltraut geboren. Waltraut starb kurz nach der Geburt.<br />
Mit seiner Familie wohnte Martin Fleischmann ab 1926 in der Stockholmer Straße 29 (heute auf Höhe der Hausnummer 28) im Wedding. Später lebte auch seine Schwiegermutter mit im Haushalt. Zusammen mit seiner Frau Elli führte Martin Fleischmann einen Betrieb als Zwischenmeister und beschäftigte durchschnittlich etwa zwanzig, zwischenzeitlich bis zu vierzig Näherinnen in Heimarbeit. Die fertige Ware, hauptsächlich Damenjacken und -mäntel, wurde an Konfektionshäuser geliefert. Elli Fleischmann, die gelernte Stenotypistin war und an der Handelsschule einen Abschluss als Buchhalterin und Finanzprüferin absolviert hatte, kümmerte sich um die Buchhaltung. Neben den Rohmaterialien wurden die wöchentlich etwa 800 bis 1000 Mäntel und Jacken bis zur Auslieferung im Flur ihrer Wohnung gelagert. Auch zwei Bügler und ein Zuschneider waren in der Wohnung tätig. Die Geschäfte liefen gut, zweimal im Jahr konnte die Familie Urlaub machen und verreisen.<br />
Nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft lief der Betrieb von Martin und Elli Fleischmann noch kurze Zeit fast ohne Einschränkungen weiter, da die Auftragslage zunächst noch stabil blieb. Doch schon 1934 war der antisemitische Boykott deutlich spürbar, immer weniger Firmen ließen ihre Ware bei ihnen produzieren. Elli Fleischmann, die nicht jüdisch war, wurde unter Druck gesetzt, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Doch sie hielt zu ihm. Auch ihr Vater wurde zur Gestapo vorgeladen und damit konfrontiert, dass seine Tochter mit einem Juden verheiratet ist. Er antwortete, dass Martin Fleischmann der beste seiner drei Schwiegersöhne sei. <br />
1935 wurde Martin Fleischmanns achtjährige Tochter Sonja Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Ein Scharführer der Hitlerjugend trat ihr auf den Stufen vor ihrem Wohnhaus so brutal in den Unterleib, dass sie am 14. Oktober 1935 an den Folgen starb.<br />
Anfang Dezember 1938 musste Martin Fleischmann seinen Betrieb zwangsweise schließen. Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit wurde er von der Firma Seibel & Poremba, an die er früher geliefert hatte, angestellt. Durch seine nichtjüdische Ehefrau blieb Martin Fleischmann von der Deportation verschont, aber er war weiter massiver Verfolgung ausgesetzt. Ab September 1941 musste er Zwangsarbeit als Flickschneider leisten. Für einen Stundenlohn von 50 Pfennig wurde er gezwungen, bis zu zehn Stunden täglich Wehrmachtsuniformen auszubessern. Ab dem 19. September 1941 musste er den „Judenstern“ tragen, er erhielt nur rationierte Lebensmittelkarten und ab 1942 keine Kohlekarten mehr. <br />
Am 16. Mai 1944 wurde sein Sohn Michael geboren. Zwei Monate später, am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler, wurde Martin Fleischmann von SS-Angehörigen gewaltsam aus seiner Wohnung geholt. Vier Männer, angeführt von Erwin Benkendorf, der als einziger in Zivil war, kamen im Anschluss an eine Sitzung der Ortsgruppe Koloniestraße in die Stockholmer Straße 29. Martin Fleischmann und seine Frau waren an dem Abend früh zu Bett gegangen und schliefen bereits, als es an der Wohnungstür klopfte. Elli Fleischmann öffnete und erschrak sehr, als sie Benkendorf dort stehen sah. Eine Nachbarin hatte sie kurz zuvor gewarnt, Benkendorf habe gesagt, bevor er an die Front gehe, werde er den Juden Fleischmann fertigmachen. Elli Fleischmann versuchte vergeblich, die Tür zuzuschlagen, in die Benkendorf seinen Fuß gestellt hatte. Die vier Männer drangen in die Wohnung ein. Sie schlugen Elli Fleischmann und auch ihre 80-jährige Mutter, die aus ihrem Schlafzimmer kam, und trieben Martin Fleischmann unter Beschimpfungen und Fußtritten auf die Soldiner Brücke. Während sie abwechselnd auf ihn einschlugen, wurde er gezwungen, einen ins Mauerwerk geritzten Sowjetstern zu entfernen, zunächst mit bloßen Händen, dann sollte er ihn mit einem Ziegelstein abschaben. Zahlreiche Schaulustige versammelten sich und aus der Menschenmenge wurden die Täter angefeuert. Martin Fleischmann wurde pausenlos mit Fäusten und Stahlruten geschlagen, einer der Täter drückte ihm eine brennende Zigarette in den Nacken. Als Polizisten hinzukamen, sagten die SS-Schläger: „Der Mann gehört uns, wir machen ihn alleine fertig!“ Schließlich brach Martin Fleischmann zusammen und stürzte ins Wasser. Als er sich ans Ufer ziehen wollte, wurde er zurückgestoßen und mit Steinen beworfen. Benkendorf sprang ihm nach und schlug ihm mit den Worten „Lebst du immer noch, du Judensau?!“ die Zähne ein. Die Täter ließen erst von ihm ab, als es Fliegeralarm gab, woraufhin sich die Menge zerstreute und Martin Fleischmann bewusstlos liegenließ. Später wurde er ins Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße gebracht. Als seine Frau ihn dort besuchte, erkannte sie ihn kaum. Auch sie war durch die Schläge schwer verletzt worden. Als ihre Mutter am Abend des Überfalls eine Hausbewohnerin bat, einen Arzt zu holen, weinte die Frau und sagte: „Frau Müncheberg, ich darf ja nicht.“ Die SS-Männer hatten bei verschiedenen Mietern „Judenfreunde“ an die Tür geschrieben.<br />
Am 1. August 1944 starb Martin Fleischmann im Jüdischen Krankenhaus an seinen schweren inneren Verletzungen. Seine Frau wurde gewarnt, dass die Täter vorhätten, auch sie und ihr Kind zu ermorden. Daraufhin ging sie nach dem Tod ihres Mannes nicht in ihre Wohnung zurück, sondern lebte bis zur Befreiung versteckt im Berliner Umland. Sie litt weiterhin körperlich und insbesondere psychisch an den Folgen der schrecklichen Erlebnisse. Nach Kriegsende kehrte sie in ihre Wohnung zurück und lebte noch jahrelang unter dem Gefühl der Verfolgung. Während des mehrjährigen Entschädigungsverfahrens bat sie um einen Vorschuss auf die Entschädigungszahlung, um aus der Wohnung ausziehen zu können, die sie täglich an den Überfall erinnerte. Der Vorschuss wurde ihr mit der Begründung verweigert, sie befände sich nicht in einer Notlage. <br />
Ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes erstattete Elli Fleischmann Anzeige gegen die vier Täter Benkendorf, Böhme, Beier und Kolbe der SS-Ortsgruppe Koloniestraße. Nach fünf Jahre dauernden Voruntersuchungen und der Vernehmung von mehr als 60 Zeuginnen und Zeugen wurden der Klempner Erwin Benkendorf und der Elektromechaniker Willy Böhme schließlich angeklagt und nach zwei Prozesstagen im Mai 1951 zu fünfzehn bzw. zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1953 folgte ein zweiter Prozess, in dem die Haftstrafen auf jeweils zehn Jahre reduziert wurden. In ihrem Schlusswort sagten die Angeklagten, sie hätten Martin Fleischmann lediglich abgeholt und zur Pankebrücke gebracht, ohne ihn dort misshandelt zu haben, und inszenierten sich als Opfer, die lediglich Befehle befolgt hätten. Böhme wurde 1955 nach insgesamt knapp sechs Jahren Haft auf Bewährung entlassen, Benkendorf 1957 nach knapp siebenjähriger Haftzeit.<br />
Martin Fleischmanns Sohn Michael berichtete 1992 in einem Interview, dass er als Kind – lange nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft – mehrfach antisemitischer Gewalt ausgesetzt war und noch Jahrzehnte nach der Ermordung seines Vaters bedroht wurde. „Zwischen meinem fünften und siebten Lebensjahr bin ich dreimal zusammengeschlagen worden, nur wegen meinem Vater, weil ich praktisch Halbjude war. Und das waren auf jeden Fall die Enkelkinder dieser Leute, die diese Tat vollbracht haben, die auch in der Nachbarschaft gewohnt haben. Und dann war noch eins: 1972 oder 1973, das weiß ich noch, da haben sie im Fernsehen etwas zum jüdischen Friedhof gebracht, der geschändet wurde. Und dann riefen die an und sagten, wir holen dich genauso raus wie deinen Vater und ermorden dich“ (zit. nach „Am Wedding haben sie gelebt“, S. 188). In derselben Nacht wurde seine Fensterscheibe eingeworfen. <br />

Martin Fleischmann wurde am 22. November 1892 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren. Nach dem Abschluss der Volksschule machte er eine Ausbildung als Damenschneider und legte 1910 die Gesellenprüfung ab. Im Ersten Weltkrieg war er Husarenoffizier, politisch war er deutschnational eingestellt.
Am 11. September 1926 heiratete Martin Fleischmann auf dem Standesamt Wedding die zwölf Jahre jüngere Elli Müncheberg. die ebenfalls gebürtige Berlinerin war. Wenige Wochen später, am 3. November, wurden die Zwillinge Sonja und Waltraut geboren. Waltraut starb kurz nach der Geburt.
Mit seiner Familie wohnte Martin Fleischmann ab 1926 in der Stockholmer Straße 29 (heute auf Höhe der Hausnummer 28) im Wedding. Später lebte auch seine Schwiegermutter mit im Haushalt. Zusammen mit seiner Frau Elli führte Martin Fleischmann einen Betrieb als Zwischenmeister und beschäftigte durchschnittlich etwa zwanzig, zwischenzeitlich bis zu vierzig Näherinnen in Heimarbeit. Die fertige Ware, hauptsächlich Damenjacken und -mäntel, wurde an Konfektionshäuser geliefert. Elli Fleischmann, die gelernte Stenotypistin war und an der Handelsschule einen Abschluss als Buchhalterin und Finanzprüferin absolviert hatte, kümmerte sich um die Buchhaltung. Neben den Rohmaterialien wurden die wöchentlich etwa 800 bis 1000 Mäntel und Jacken bis zur Auslieferung im Flur ihrer Wohnung gelagert. Auch zwei Bügler und ein Zuschneider waren in der Wohnung tätig. Die Geschäfte liefen gut, zweimal im Jahr konnte die Familie Urlaub machen und verreisen.
Nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft lief der Betrieb von Martin und Elli Fleischmann noch kurze Zeit fast ohne Einschränkungen weiter, da die Auftragslage zunächst noch stabil blieb. Doch schon 1934 war der antisemitische Boykott deutlich spürbar, immer weniger Firmen ließen ihre Ware bei ihnen produzieren. Elli Fleischmann, die nicht jüdisch war, wurde unter Druck gesetzt, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Doch sie hielt zu ihm. Auch ihr Vater wurde zur Gestapo vorgeladen und damit konfrontiert, dass seine Tochter mit einem Juden verheiratet ist. Er antwortete, dass Martin Fleischmann der beste seiner drei Schwiegersöhne sei.
1935 wurde Martin Fleischmanns achtjährige Tochter Sonja Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Ein Scharführer der Hitlerjugend trat ihr auf den Stufen vor ihrem Wohnhaus so brutal in den Unterleib, dass sie am 14. Oktober 1935 an den Folgen starb.
Anfang Dezember 1938 musste Martin Fleischmann seinen Betrieb zwangsweise schließen. Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit wurde er von der Firma Seibel & Poremba, an die er früher geliefert hatte, angestellt. Durch seine nichtjüdische Ehefrau blieb Martin Fleischmann von der Deportation verschont, aber er war weiter massiver Verfolgung ausgesetzt. Ab September 1941 musste er Zwangsarbeit als Flickschneider leisten. Für einen Stundenlohn von 50 Pfennig wurde er gezwungen, bis zu zehn Stunden täglich Wehrmachtsuniformen auszubessern. Ab dem 19. September 1941 musste er den „Judenstern“ tragen, er erhielt nur rationierte Lebensmittelkarten und ab 1942 keine Kohlekarten mehr.
Am 16. Mai 1944 wurde sein Sohn Michael geboren. Zwei Monate später, am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler, wurde Martin Fleischmann von SS-Angehörigen gewaltsam aus seiner Wohnung geholt. Vier Männer, angeführt von Erwin Benkendorf, der als einziger in Zivil war, kamen im Anschluss an eine Sitzung der Ortsgruppe Koloniestraße in die Stockholmer Straße 29. Martin Fleischmann und seine Frau waren an dem Abend früh zu Bett gegangen und schliefen bereits, als es an der Wohnungstür klopfte. Elli Fleischmann öffnete und erschrak sehr, als sie Benkendorf dort stehen sah. Eine Nachbarin hatte sie kurz zuvor gewarnt, Benkendorf habe gesagt, bevor er an die Front gehe, werde er den Juden Fleischmann fertigmachen. Elli Fleischmann versuchte vergeblich, die Tür zuzuschlagen, in die Benkendorf seinen Fuß gestellt hatte. Die vier Männer drangen in die Wohnung ein. Sie schlugen Elli Fleischmann und auch ihre 80-jährige Mutter, die aus ihrem Schlafzimmer kam, und trieben Martin Fleischmann unter Beschimpfungen und Fußtritten auf die Soldiner Brücke. Während sie abwechselnd auf ihn einschlugen, wurde er gezwungen, einen ins Mauerwerk geritzten Sowjetstern zu entfernen, zunächst mit bloßen Händen, dann sollte er ihn mit einem Ziegelstein abschaben. Zahlreiche Schaulustige versammelten sich und aus der Menschenmenge wurden die Täter angefeuert. Martin Fleischmann wurde pausenlos mit Fäusten und Stahlruten geschlagen, einer der Täter drückte ihm eine brennende Zigarette in den Nacken. Als Polizisten hinzukamen, sagten die SS-Schläger: „Der Mann gehört uns, wir machen ihn alleine fertig!“ Schließlich brach Martin Fleischmann zusammen und stürzte ins Wasser. Als er sich ans Ufer ziehen wollte, wurde er zurückgestoßen und mit Steinen beworfen. Benkendorf sprang ihm nach und schlug ihm mit den Worten „Lebst du immer noch, du Judensau?!“ die Zähne ein. Die Täter ließen erst von ihm ab, als es Fliegeralarm gab, woraufhin sich die Menge zerstreute und Martin Fleischmann bewusstlos liegenließ. Später wurde er ins Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße gebracht. Als seine Frau ihn dort besuchte, erkannte sie ihn kaum. Auch sie war durch die Schläge schwer verletzt worden. Als ihre Mutter am Abend des Überfalls eine Hausbewohnerin bat, einen Arzt zu holen, weinte die Frau und sagte: „Frau Müncheberg, ich darf ja nicht.“ Die SS-Männer hatten bei verschiedenen Mietern „Judenfreunde“ an die Tür geschrieben.
Am 1. August 1944 starb Martin Fleischmann im Jüdischen Krankenhaus an seinen schweren inneren Verletzungen. Seine Frau wurde gewarnt, dass die Täter vorhätten, auch sie und ihr Kind zu ermorden. Daraufhin ging sie nach dem Tod ihres Mannes nicht in ihre Wohnung zurück, sondern lebte bis zur Befreiung versteckt im Berliner Umland. Sie litt weiterhin körperlich und insbesondere psychisch an den Folgen der schrecklichen Erlebnisse. Nach Kriegsende kehrte sie in ihre Wohnung zurück und lebte noch jahrelang unter dem Gefühl der Verfolgung. Während des mehrjährigen Entschädigungsverfahrens bat sie um einen Vorschuss auf die Entschädigungszahlung, um aus der Wohnung ausziehen zu können, die sie täglich an den Überfall erinnerte. Der Vorschuss wurde ihr mit der Begründung verweigert, sie befände sich nicht in einer Notlage.
Ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes erstattete Elli Fleischmann Anzeige gegen die vier Täter Benkendorf, Böhme, Beier und Kolbe der SS-Ortsgruppe Koloniestraße. Nach fünf Jahre dauernden Voruntersuchungen und der Vernehmung von mehr als 60 Zeuginnen und Zeugen wurden der Klempner Erwin Benkendorf und der Elektromechaniker Willy Böhme schließlich angeklagt und nach zwei Prozesstagen im Mai 1951 zu fünfzehn bzw. zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1953 folgte ein zweiter Prozess, in dem die Haftstrafen auf jeweils zehn Jahre reduziert wurden. In ihrem Schlusswort sagten die Angeklagten, sie hätten Martin Fleischmann lediglich abgeholt und zur Pankebrücke gebracht, ohne ihn dort misshandelt zu haben, und inszenierten sich als Opfer, die lediglich Befehle befolgt hätten. Böhme wurde 1955 nach insgesamt knapp sechs Jahren Haft auf Bewährung entlassen, Benkendorf 1957 nach knapp siebenjähriger Haftzeit.
Martin Fleischmanns Sohn Michael berichtete 1992 in einem Interview, dass er als Kind – lange nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft – mehrfach antisemitischer Gewalt ausgesetzt war und noch Jahrzehnte nach der Ermordung seines Vaters bedroht wurde. „Zwischen meinem fünften und siebten Lebensjahr bin ich dreimal zusammengeschlagen worden, nur wegen meinem Vater, weil ich praktisch Halbjude war. Und das waren auf jeden Fall die Enkelkinder dieser Leute, die diese Tat vollbracht haben, die auch in der Nachbarschaft gewohnt haben. Und dann war noch eins: 1972 oder 1973, das weiß ich noch, da haben sie im Fernsehen etwas zum jüdischen Friedhof gebracht, der geschändet wurde. Und dann riefen die an und sagten, wir holen dich genauso raus wie deinen Vater und ermorden dich“ (zit. nach „Am Wedding haben sie gelebt“, S. 188). In derselben Nacht wurde seine Fensterscheibe eingeworfen.