Ryfka Regina Rosenwasser geb. Ritter

Verlegeort
Thomasiusstraße 5
Bezirk/Ortsteil
Moabit
Verlegedatum
08. August 2014
Geboren
02. September 1889 in Auschwitz / Oświęcim
Zwangsarbeit
Arbeiterin (Wäscherei Bergmann (Moabit))
Deportation
am 05. September 1942 nach Riga
Ermordet
08. September 1942 in Riga

Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Ryfka Regina Ritter haben sich so gut wie keine Informationen erhalten. Sie ist am 2. September 1889 im damals zum österreichischen Kronland Galizien und Lodomerien gehörenden Auschwitz (heute Oświęcim in Polen) geboren worden. Die Stadt an der Soła liegt etwa 50 Kilometer westlich von Krakau (Kraków). Ihre Eltern gehörten aller Wahrscheinlichkeit zur jüdischen Gemeinde der Stadt, die bis zum Zweiten Weltkrieg etwa die Hälfte der Einwohner umfasste. Weder die Namen, noch die Lebensdaten ihrer Eltern gehen aus den vorliegenden Quellen hervor. Es ist auch nicht bekannt, ob sie das einzige Kind ihrer Eltern blieb oder im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Spätestens in den 1910er-Jahren hat Ryfka Regina Ritter Auschwitz verlassen und sich in Berlin niedergelassen, wo sie als Wirtschafterin arbeitete und den drei Jahre älteren Kaufmann Max Mejer Rosenwasser kennenlernte.

Max Mejer stammte aus der damals zum russischen Reich gehörenden Stadt Siedlce, etwa 80 Kilometer östlich von Warschau (Warszawa). Sein Vater war Zigarettenfabrikant und hatte mit anderen Zionisten in der Stadt eine Untergrundbibliothek geführt; Max Mejer hatte sich in den lokalen Bewegungen der Ha-Tkhiya („Wiedergeburt“) und der sozialistisch-zionistischen Poale Zion („Arbeiter Zions“) engagiert, die in Siedlce während der Russischen Revolution von 1905 den Widerstand der Aufständischen gegen die Zarentruppen mitorganisierte. In den Folgejahren war die Familie nach Berlin gekommen, wo Max Mejers Vater Josef Rosenwasser ab 1908/1909 eine Zigarettenfabrik in der Kaiserstraße 8 (heutige Jacobystraße) in Berlin-Mitte aufbaute, deren Mitinhaber Max Mejer in den 1910er-Jahren wurde. Ryfka und Max Rosenwasser bekamen zwischen 1916 und 1921 drei Kinder: Im Januar 1916 wurde Fanny in Berlin geboren, im Mai 1917 folgte Amalie (Mirjam) und im September 1921 Harry Rosenwasser. Am 21. März 1921 heirateten Max Mejer Rosenwasser und Ryfka Regina Ritter.

Die Familie lebte in den 1920er-Jahren in einer Wohnung in der Thomasiusstraße 5 in Moabit. 1923 wurde Max Eigentümer des jugendzeitlich gestalteten Wohnhauses, das 1902 vom Architekten Hans Landé errichtet worden war. Max Rosenwasser erwarb außerdem ein Grundstück in der Belziger Straße 38 in Schöneberg und ließ das dortige Wohnhaus errichten, das Ende der 1930er-Jahre bezugsfertig wurde. Mitte der 1920er-Jahre zog sich Max Mejer Rosenwasser aus der Fabrikation und dem Handel mit Tabakwaren zurück und widmete sich zusammen mit seiner Ehefrau der Verwaltung seiner Grundstücke. Die Kinder erhielten eine gute Ausbildung: So besuchte Amalie das Lyzeum de Mugica in der Wilsnacker Straße 3 in Moabit und das Dorotheen-Oberlyzeum in der Wilhelmshavener Straße 2. Sie wollte später Biologie studieren. Harry Rosenwasser war Schüler des Luisen-Gymnasiums in der Turmstraße. Leider sind keine weiteren Zeugnisse erhalten geblieben, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berliner der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Ryfka Regina Rosenwasser und ihre Familienangehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität. Ryfka Reginas Tochter Amalie war gezwungen das Dorotheen-Oberlyzeum zu verlassen und versuchte noch auf der Lessing-Volkshochschule ihr Abitur nachzuholen, verließ Berlin aber 1936 und emigrierte nach Palästina. In den Jahren 1937 und 1939 folgten ihre Geschwister Harry und Fanny, die sich ebenfalls aus Deutschland in das britische Mandatsgebiet Palästina retten konnten. Ob auch Ryfka Regina und Max Mejer Rosenwasser in den 1930er-Jahren Pläne verfolgten, Deutschland zu verlassen, geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. Sollten sie konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese. 1938 wurde Max Mejer Rosenwasser im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ verhaftet, von seiner Familie getrennt und aus Berlin nach Bentschen (Zbąszyń) deportiert. Die Ausgewiesenen durften nur wenige Nahrungsmittel und Habseligkeiten mitnehmen. Wann Max Mejer Rosenwasser das Sammellager verlassen konnte, geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. Es ist aber anzunehmen, dass er Polen bis zu seiner Ermordung 1942 nicht mehr verlassen konnte.

In Berlin wurden die Grundstücke und das Vermögen der Rosenwassers Anfang der 1940er-Jahre von der „Haupttreuhandstelle Ost“ beschlagnahmt. Ryfka Regina Rosenwasser war gezwungen, zur Untermiete in ein Zimmer in der Altonaer Straße 7 im Hansaviertel umzuziehen. Das Leben war für sie in Berlin zum Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „ Judenstern “ in der Öffentlichkeit bewegen. Außerdem musste sie seit spätestens Anfang der 1940er-Jahre Zwangsarbeit leisten. Eine Bekannte von ihr berichtete später: „Ich erinnere mich, daß sie sich dahingehend äußerte, daß sie unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Wäscherei der Firma Bergmann tätig sein mußte.“ Sie war Zwangsarbeiterin bei der Firma „H. Bergmann GmbH – Färberei und chemische Reinigungsanstalt“ in Alt-Moabit 95–97. 1942 erhielt sie den Deportationsbescheid und wurde im August 1942 in einer der Berliner Sammelstellen interniert. Von dort wurde sie am 31. August 1942 mit dem „19. Osttransport“ über den Güterbahnhof Moabit in das Ghetto Riga deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft im Bahnhof Riga-Šķirotava – in den umliegenden Wäldern des Ghettos bei Rumbula erschossen. Zum Zeitpunkt der Deportation war sie 52 Jahre alt.

Ihr Ehemann Max Mejer war nach dem Überfall auf Polen 1939 von den deutschen Besatzern erneut verhaftet worden. Aus einer Liste der Jüdischen Gemeinde geht hervor, dass er zeitweise im Ghetto Krakau interniert war, bevor er in den 1940er-Jahren in das Ghetto Siedlce deportiert wurde. Sein Sohn Harry Rosenwasser berichtete später: „Mein Vater wurde im Jahre 1938 von den Nazis abgeholt u. nach Polen u. zwar m.W. nach Benszyn u. später nach seinen Geburtsort Siedlce verschickt. Dort ist mein Vater im August 1942, wie ich später erfahren habe, zusammen mit seiner Schwester vor seinem Geburtshaus erschossen worden.“ Im August 1942 begann die Auflösung des Ghettos Siedlce und die Ermordung der Internierten durch Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka und gleichzeitige Massenerschießungen in Siedlce. Der 56-jährige Max Mejer Rosenwasser wurde am 23. August 1942 in Siedlce ermordet. Die drei Kinder von Max Mejer und Ryfka Regina Rosenwasser – Fanny Rosenwasser, verheiratete Speier, Harry Rosenwasser und Amalie (Mirjam) Rosenwasser, verwitwete Frietmann, wiederverheiratete Brandler – überlebten die NS-Verfolgung im Exil.