Rosalie Jacobsohn geb. Loewy

Verlegeort
Trautenaustr. 9
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
29. April 2012
Geboren
18. März 1879 in Elbing (Westpreußen) / Elbląg
Flucht in den Tod
31. Mai 1942 in Berlin
Biografie

Rosalie Jacobsohn wurde als Rosalie Loewy am 18. März 1879 in Elbing im Kreis Marienwerder in Westpreußen (Elbląg, Polen) nahe der Ostseeküste geboren. 

Wann und wo Rosalie ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Heymann, genannt Hermann, Jacobsohn, kennenlernte, ist nicht bekannt.

Sie heirateten 1899. Am 12. April 1900 wurde ihre Tochter Else Amalie in Elbing geboren.

Hermann war Mitinhaber der Firma „Alexander Müller Nachfolger“, einem großen Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft am Alten Markt 46/47 in Elbing. 

Hermanns und Rosalies Vermögensverhältnisse erlaubten ihrer Tochter, das staatliche Lyzeum und später das Oberlyzeum, die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Schule, zu besuchen. 

Am 15. August 1931 verließ Else die Schule mit dem Abgangszeugnis der Oberprimareife. Danach ging sie nach Berlin, wo sie ein halbjähriges Volontariat in der Grunewald-Buchhandlung bei Marianne Hoffmann am Kurfürstendamm 123 absolvierte. Anschließend wechselte sie in die Abteilung Fernexpedition des KaDeWe. Als im Laufe des Jahres 1933 das KaDeWe „arisiert" wurde, verlor sie wie alle anderen jüdischen Angestellten „aus Gründen der Betriebsentlastung“ ihre Anstellung.

Als Hermann Jacobsohn am 30. November 1933 starb, zog die 55-jährige Rosalie 1936 zu ihrer 36-jährigen Tochter Else nach Berlin. Sie wohnte in der Brandenburgischen Straße 42 in Wilmersdorf.

Nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze 1935 war Else klar, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Weil es als Ehepaar leichter war, ein Visum für die Ausreise zu bekommen, heiratete sie am 19. Oktober 1936 den Ingenieur Hans Joachimsthal. Am 4. Januar 1937 traten sie ihre Reise nach Antwerpen an. Wenige Tage später erfolgte die Einschiffung nach Buenos Aires mit einem Touristenvisum. Die Auswanderungskosten in der 1. Klasse übernahm ihre Mutter Rosalie.

Im März 1938 wurde Rosalies Enkeltochter Irene in Buenos Aires geboren. Aufgrund der Lage in Deutschland war es Rosalie nicht möglich, Irene zu sehen. Ende 1938 trennte sich Else von ihrem Ehemann Hans Joachimsthal, blieb aber verheiratet.

Rosalie Jacobsohn zog 1939 mit ihrer langjährigen Hausangestellten, der aus Eichholz in Ostpreußen stammenden Minna Knorr (*8. Dezember 1897), in die Trautenaustraße 9. Sie wohnten im III. Stock des Vorderhauses in einer 4½ -Zimmer-Wohnung. Laut Vermögenssteuerbescheid war Rosalie eine vermögende Frau. Ihr Gesamtvermögen von 139.600 RM reichte zur Sicherung eines zukünftigen Anspruchs auf Reichsfluchtsteuer von ca. 35.000 RM. Der Betrag wurde auf einem Sperrkonto hinterlegt.

Am 14. Mai 1941 ließ die Witwe Rosalie Jacobsohn einen notariell beglaubigten Schenkungsvertrag zwischen ihr und ihrer langjährigen Hausangestellten Fräulein Minna Knorr aufsetzen. Sie verschenkte „mit Rücksicht auf ihre 25 Jahre als Hausangestellte geleisteten treuen Dienste“ ihr gesamtes Mobiliar des Speisezimmers, Wohnzimmers, Schlafzimmers und der Küche nebst Küchengeschirr an Minna Knorr. Das Eigentum ging damit sofort auf Minna Knorr über. Rosalie Jacobsohn durfte die Gegenstände laut Vertrag leihweise in Besitz behalten. Fräulein Knorr war aber berechtigt, das Leihverhältnis jederzeit zu beenden und die Sachen in Besitz zu nehmen. Der Wert der Gegenstände wurde mit 3.000 RM angegeben.

Ein Jahr später erhielt Rosalie den gefürchteten Deportationsbefehl in den Osten. Sie wurde aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen, die sie am 27. Mai 1942 unterschrieb und abgab. Die Deportation nach Majdanek und Sobibor war ursprünglich für den 2. Juni 1942 geplant.

Für Rosalie war klar, dass sie diese Reise nicht antreten würde. Am Abend des 30. Mai 1942 setzte sie ihrem Leben durch die Einnahme einer Überdosis Schlafmittel ein Ende. Am Morgen des 31. Mai 1942 um 9 Uhr wurde sie von der Polizei tot in ihrer Wohnung aufgefunden. In der Sterbeurkunde wurde „Vergiftung durch Schlafmittel" als Todesursache angegeben. Die genaue Todesstunde konnte nicht festgestellt werden. In einigen Schreiben des Oberfinanzpräsidenten wurde deshalb als Todestag der 30. Mai 1942 angenommen und in anderen der 31. Mai 1942. Rosalie Jacobsohn geborene Loewy flüchtete mit 63 Jahren in den Tod, um dem Schicksal, das die Nationalsozialisten für sie vorgesehen hatten, zu entgehen.

Der Deportationszug nach Majdanek und Sobibor, für den Rosalie Jacobsohn vorgesehen war, fuhr tatsächlich erst am 13. Juni 1942 ab. Die Transportliste der Gestapo enthielt anfangs 758 Namen, wovon 19 Namen gestrichen werden mussten, weil diese Menschen vor der Deportation Selbstmord begangen hatten.

Minna Knorr legte nach dem Tod von Rosalie Jacobsohn dem Oberfinanzpräsidenten den Schenkungsvertrag von Rosalie vor. Am 10. August 1942 bestätigte dieser ihr die Freigabe der Gegenstände. Trotzdem ließ der Oberfinanzpräsident am 15. Oktober 1942 das Inventar der Wohnung bewerten. Die Schätzung kam zu dem Resultat, dass allein das Speisezimmer 2.500 RM wert sei. Insgesamt wurde das Inventar der Wohnung mit 6.000 RM bewertet. Minna Knorr zog mit den Möbeln in die Bayrische Straße 26 in Berlin-Wilmersdorf.

Auch bei der Deutschen Bank stieß der Oberfinanzpräsident bei der Eintreibung von Rosalies Vermögen auf Probleme. Da die Einziehung des Vermögens nach ihrem Tod erfolgte, sah sich die Bank verpflichtet, das Vermögen für die Erben zu sichern. Das Finanzamt setzte entgegen, dass sich sämtliche Erben im Ausland aufhielten. Erst am 24. März 1943 wurde die Übernahme des Vermögens für das Deutsche Reich bestätigt.

Rosalies Tochter führte auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein eher ärmliches Leben. Sie stellte am 8. Januar 1958 beim Wiedergutmachungsamt in Berlin einen Antrag auf Rückerstattung des Vermögens von Rosalie Jacobsohn.