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Karoline Frey (geb. Hammel)

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
VERLEGEORT
Pestalozzistr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
26.04.2012

GEBOREN
10.02.1894 in Neufreistett
DEPORTATION
am 12.01.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Karoline Frey wurde am 10. Februar 1894 in Neufreistett, Amt Kehl - heute ein Stadtteil von Rheinau in Baden - als Karoline Hammel geboren. Die Familie Hammel war eine der wichtigsten in der 1831 in Neufreistett gegründeten jüdischen Gemeinde. Karolines Vater war der Viehhändler Lippmann (auch Liebmann geschrieben) Hammel, 1850 in Neufreistett geboren. 1881 heiratete er die zehn Jahre jüngere Pauline Nöther aus Kuppenheim, Ende des Jahres wurde ihr Sohn Max geboren, zwei weitere Söhne folgten: 1885 Friedrich, 1889 Leo. Karoline war das Nesthäkchen. Die Familie wohnte in der Neufreistetter Hafenstraße 36, später in Rheinstraße umbenannt. Ihren Bruder Leo lernte Karoline nicht kennen, er starb im Säuglingsalter. Bruder Friedrich fiel 1915 an der Westfront und der älteste, Max, ging als Kaufmann nach Frankfurt/M. Anfang 1915 war auch der Vater Lippmann Hammel gestorben.

Es ist nicht bekannt, wann und warum Karoline Neufreistett verließ und ob sie gleich nach Berlin ging. Vermutlich lernte sie dort den 1888 in Königshütte (polnisch Chorzow) geborenen Kurt Frey kennen, unklar bleibt aber auch, wann sie ihn heiratete. 1920 jedenfalls, am 28. August, brachte sie ihren Sohn Fritz in Berlin zur Welt, wir wissen nicht, ob sie vorher oder nachher weitere Kinder bekam. 1920 erwähnt das Berliner Adressbuch einen Kurt Frey, Vertreter der Lederwarenfirma Hammel & Rosenfeld aus Offenbach am Main. Diese hatte ab 1923 auch eine Zweigniederlassung in Berlin. Mehrere Hammel aus Offenbach hatten familiäre Verbindungen zu den Hammel aus Neufreistett. Es scheint plausibel, dass der Ehemann von Karoline als Vertreter eines der Unternehmen der Familie Hammel in Berlin tätig war. Er betrieb später auf eigenen Namen ein Geschäft für Leder- und Reiseartikel in der repräsentativen Friedrichstraße 59/60. 1927 war er unter dieser Adresse nicht mehr verzeichnet. Da der Name mehrmals vorkommt, ist es nicht möglich, zu verfolgen, wo die Familie tatsächlich wohnte.

Gesicherte Nachricht über Karoline Frey findet sich erst wieder 1939: Bei der Volkszählung vom Mai dieses Jahres wurde sie als Untermieterin in der Pestalozzistraße 15 erfasst. Sie wohnte mit ihrem Sohn Fritz bei Caspar und Paula Baer. Caspar Baer war Angestellter der Jüdischen Gemeinde und Synagogendiener der Synagoge im Hof des Hauses. Auch für diese beiden sind Stolpersteine verlegt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Karoline Frey ebenfalls für die Jüdische Gemeinde arbeitete und daher dort eine Bleibe mit ihrem Sohn finden konnte. Auffallend ist, dass nicht mehr die Rede von Kurt Frey ist. Erich Frey, sehr wahrscheinlich ein Schwager Karolines (für ihn liegt ein Stolperstein vor der Rheingoldstraße 4 in Lichtenberg), spricht in seinem Tagebuch von einem Bruder Kurt, „Onkel Kurt“, mit dem er häufig Kontakt habe, während Fritz selten und „Tante Line“ gar nicht zu Besuch kämen. Dies legt die Vermutung nahe, dass Kurt und Karoline womöglich schon länger getrennt lebten.

Gegen Ende ihres Lebens fanden sie allerdings – zufällig? – wieder zusammen. Am 1. April 1941 zog Karoline, freiwillig oder unfreiwillig, in die Klopstockstraße 9 in Tiergarten, zur Untermiete bei Krause. Dorthin zog auch Kurt, der zuvor in der Bötzowstraße 22 in Prenzlauer Berg gewohnt hatte. Am 12. Januar 1943 wurden beide von der Klopstockstraße aus nach Auschwitz deportiert. Auf der Transportliste, die 1196 Menschen umfasst, sind Karoline und Kurt getrennt aufgeführt, beide als ledig und arbeitsfähig bezeichnet. Der Deportationszug kam am folgenden Tag in Auschwitz an, nur 127 Männer wurden in das Lager eingewiesen. Wenn Kurt unter ihnen war, so überlebte er die Zwangsarbeit nicht. Alle anderen wurden sofort ermordet, der 13. Januar 1943 muss als Karolines Todestag gelten.

Karolines Sohn Fritz Frey war rund einen Monat vor ihr, am 3. März 1941, aus der Pestalozzistraße ausgezogen, in die Bamberger Straße 22 bei Rieger. Spätestens im Oktober des Jahres, vermutlich schon früher, wurde er zu Zwangsarbeit herangezogen, zuletzt bei Ernst Müller, Ritterstraße 111, ein Rüstungsbetrieb für Feinmechanik und Apparatebau, vor allem für die Luftfahrtgroßindustrie. Danach hören wir erst wieder von Fritz Frey, dass er am 2. Juli 1943 in Innsbruck ins Polizeigefängnis kam und bereits am nächsten Tag in das Arbeitserziehungslager Innsbruck-Reichenau verbracht wurde. In Berlin zahlte Ernst Müller noch 3,68 Restlohn, die die Oberfinanzdirektion einzog.

Warum und auf welchem Wege Fritz Frey nach Österreich gelangte, bleibt unklar, möglicherweise wurde er bei einem Fluchtversuch in die Schweiz festgenommen. In Innsbruck-Reichenau blieb er nicht lange: am 15. Juli 1943 wurde er weiter nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er zur Zwangsarbeit eingeteilt, bei Auflösung des Lagers im Januar 1945 gehörte er zu denen, die nach Mauthausen „evakuiert“ wurden, d. h. zunächst auf den Todesmarsch geschickt, später in Güterwaggons weiter transportiert. Am 25. Januar 1945 wurde Fritz in Mauthausen registriert (Häftlingsnummer 120 736). Er kam zunächst in das Außenlager Wien-Simmering, ein 1944 vor den Toren der Wiener Saurer-Werke errichtetes Nebenlager für 1000-1500 Zwangsarbeiter, vor allem Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern, aber auch etwa 10 % Juden. Für die KZ-Häftlinge wurde extra eine Werkshalle, die C-Halle in Werk 2, vergittert, dort hatten sie Panzerschlepper herzustellen. Am 2. April 1945 sollte auch dieses Lager vor der nahenden Front „evakuiert“ werden: in drei Kolonnen wurden die Häftlinge auf den Todesmarsch in das Mauthausen-Nebenlager Stayr-Münichholz gescheucht. Dieses Außenlager war 1942 speziell für die Zwangsarbeit bei der Rüstungsfirma Stayr-Daimler-Puch AG errichtet worden. Viele Häftlinge überlebten den Marsch nicht: wenn sie zu schwach waren oder auch schon, wenn ihre Schuhe kaputt gingen, wurden sie auf der Stelle erschossen. Laut einer Todesmeldung der 3. Marschkolonne von Mitte April 1945 wurden auch 14 Häftlinge „auf der Flucht“ erschossen – einer von ihnen war Fritz Frey.
Eine Deportation nach Reichenau/Groß-Rosen – wie auf dem für ihn verlegten Stolperstein, wahrscheinlich falsch, vermerkt – ist nicht belegbar, der Tod außerhalb Mauthausens jedoch schon.

Auch die Vermieter von Karoline und Fritz wurden Opfer der Nationalsozialisten. Caspar und Paula Baer nahmen sich 1942 das Leben (siehe Biographie auf dieser Seite). Martin Krause und Johanna Krause geb. Wiener wurden am 2. April 1942 in das Warschauer Ghetto deportiert und kamen nicht zurück, Clara Rieger geb. Segall wurde am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Micaela Haas

Weitere Quellen

Stadtarchiv Rheinau; Karl Ramsmaier: Jüdische Häftlinge im KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz. In: David. Jüdische Kulturzeitschrift, 12/2010; Herbert Exenberger: 2. April 1945 – Evakuierung des KZ-Nebenlagers Saurer-Werke (www.doew.at/cms/download/5alb3/exen...)