Waldemar Cohn

Location 
Giesebrechtstr. 18
District
Charlottenburg
Stone was laid
22 September 2011
Born
18 May 1876 in Berlin
Deportation
on 27 November 1941 to Riga
Murdered
30 November 1941 in Riga, Ghetto
  • Foto:B.Plewa
    Foto:B.Plewa

    Foto:B.Plewa

Waldemar Cohn war ein Sohn des Kaufmannes Carl Cohn und seiner Frau Friederike geb. Wolff. Er wurde am 18. Mai 1876 in Berlin geboren. Damals wohnte Carl Cohn in der Brunnenstraße 119. Da der Name Carl Cohn häufig vorkam, ist nicht zu ermitteln, in welcher Branche er tätig war. Auch wie oft und wohin die Familie in Waldemars Kindheit und Jugend umgezogen ist, lässt sich anhand des Adressbuches nicht klären. Dokumentiert ist lediglich, dass Waldemar einen Bruder namens Julius hatte.

Mit 19 Jahren trat Waldemar eine kaufmännische Lehre bei der Herrenkonfektionsfirma „Hugo Herrmann & Co“ an. Hier sollte er anschließend als Prokurist bis 1931 arbeiten. Im Adressbuch ist Waldemar erst 1911 mit einer eigenen Adresse vertreten: Bornholmer Straße 4. Wir können annehmen, dass er bis 1910 bei den Eltern, vielleicht bei einem verwitweten Elternteil gelebt hat. Anlass des Auszuges dürfte die Heirat mit Emma Hirsch im Oktober 1909 gewesen sein.

Emma Hirsch wurde am 30. November 1881 in Deutsch Krone/Westpreußen geboren. Laut einem in der Gedenkstätte Yad Vashem hinterlegtem Gedenkblatt hieß ihr Vater David, der Name der Mutter ist nicht übermittelt. Wir wissen nicht, wann Emma nach Berlin kam und ob sie allein oder - was wahrscheinlicher ist - mit ihrer Familie kam. Auch der Name David Hirsch kommt mehrmals vor und Emmas Vater ist daher im Adressbuch nicht eindeutig identifizierbar. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Mitbegründer der Firma „Hugo Herrmann“ Bernhard Hirsch hieß.

Emma brachte im Oktober 1912 ihren ersten Sohn Herbert Gideon zur Welt, möglicherweise schon in der Giesebrechtstraße 18, in der das Adressbuch Waldemar Cohn bereits 1913 verortet. Im Ersten Weltkrieg war Waldemar an der Front, in Üsküb (Skopje) erkrankte er an Malaria. Nach seiner Rückkehr arbeitete er wieder bei „Hugo Herrmann & Co“, im April 1918 wurde sein zweiter Sohn Heinz Assael geboren. Als Prokurist und später auch Lagerverwalter hatte er ein stabiles Einkommen und die Familie bewohnte in der Giesebrechtstraße 18 eine nicht sehr große, aber gut eingerichtete Wohnung im zweiten Stock des Gartenhauses.

Ende 1930 wurde Waldemars Chef Adolf Wolfstein – seit 1922 Gesellschafter und seit 1928 Alleininhaber von „Hugo Herrmann“ - tot aufgefunden, vermutlich Selbstmord. An der Weltwirtschaftskrise kann es nicht gelegen haben, denn laut Industrie- und Handelskammer hatte das Geschäft noch 1930 mehrere Millionen Umsatz gemacht. Das Unternehmen wurde 1931 an Georg Schönland verkauft und mit dessen Konfektionsfirma zusammengelegt. Allerdings, so die Handelskammer, stellte „Hugo Herrmann“ bessere Kleidung und ausschließlich in Heimarbeit her, Schönland ließ in der Werkstatt arbeiten. Schönland war auch Jude und musste 1939 die Firma liquidieren. 1942 wurde er nach Sobibor deportiert und ermordet.

Aus Anlass des Firmenverkaufs 1931 wurde Waldemar Cohn entlassen. Er fand nochmal Arbeit als Lagerverwalter beim Verband der Allgemeinen Ortskrankenkassen, allerdings mit einem um ein Drittel niedrigerem Einkommen. Lange konnte er aber nicht in dieser Stellung bleiben. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde das Berufsleben von Juden zunehmend eingeschränkt. Waldemar Cohn wurde zum 1. April 1933 bei der AOK entlassen und konnte keine neue Arbeit finden. Offenbar war er auch gesundheitlich angeschlagen, denn er erhielt immerhin ein Ruhegeld von der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte (RfA) wegen Berufsunfähigkeit. Diese Rente dürfte allerdings niedrig gewesen und im Zuge der Diskriminierung der Juden später auch noch gekürzt worden sein. Ein Neffe Waldemars berichtete nach dem Krieg, Waldemar und Emma Cohn seien von verschiedenen Verwandten unterstützt worden.

Während die Söhne noch rechtzeitig emigrieren konnten und sich in Palästina niederließen, hatten Waldemar und Emma sicherlich nicht die beträchtlichen Mittel, die man für eine Auswanderung benötigte. Verarmt, entrechtet und gedemütigt wurden sie schon im November 1941 zunächst in die als Sammelstelle missbrauchte Synagoge in der Levetzowstraße gebracht und am 27. des Monats mit dem 7. Deportationszug aus Berlin zusammen mit über 1050 weiteren Juden nach Riga verschleppt.

Als der Zug drei Tage später, am 30. November 1941, in Riga ankam, erwartete die Menschen ein grausames Schicksal. Auf Befehl des SS-Führers Friedrich Jeckeln wurden alle ausnahmslos sofort in den Wäldern von Rumbula bei Riga erschossen. Dies war eine Eigenmächtigkeit Jeckelns, die selbst Himmler rügte. Denn dieses Schicksal sollten nach Himmlers Richtlinien nur die als „arbeitsunfähig“ Eingestuften erleiden.

Jeckeln war erst seit einem Monat Kommandant in Riga, davor hatte er sich bei der Massenermordung von Juden in der Ukraine hervorgetan. Noch am gleichen 30. November ließ er unter Einsatz von 300 deutschen Polizisten und SS-Leuten und 500 lettischen Hilfspolizisten 27000 lettische Juden im Rigaer Ghetto erschießen, um „Platz“ für die „Reichsjuden“ zu schaffen. Da waren aber die Insassen des ersten Zuges aus Berlin bereits ermordet worden -  auch Waldemar und Emma Cohn.

Friedrich Jeckeln wurde am 3. Februar 1946 von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet.