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Georg Grünbaum

Stolperstein für die Bewohner der Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
Stolperstein zum Schicksal der Bewohner Solinger Str. 10. Fotorechte: OTFW.
VERLEGEORT
Solinger Straße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
September 2003

GEBOREN
30.09.1871 in Posen / Poznań
ÜBERLEBT

Georg Paul Grünbaum wurde am 30. September 1871 in der Stadt Posen als Sohn von Sophie (geb. Zadek) und Isaak Grünbaum geboren. Sein Vater war Inhaber des Familienbetriebs Jakob Zadek. Georg Grünbaum besuchte in Posen das Gymnasium, das er mit der Mittleren Reife verließ, und absolvierte anschließend die Webeschule in Berlin. Nach dem Diplomabschluss kehrte er nach Posen zurück und machte eine kaufmännische Lehre im Geschäft des Vaters. Am 19. Juli 1904 heiratete er die acht Jahre jüngere Elisabeth Brann. Das Paar bekam zwei Kinder, die Tochter Liselotte wurde im Oktober 1905 geboren, der Sohn Herbert im August 1917.

Nach der Neugründung des Staates Polen infolge des Ersten Weltkriegs machte Georg Grünbaum vom Optionsrecht, nach Deutschland überzusiedeln, Gebrauch und zog im Oktober 1920 mit seiner Familie nach Berlin-Moabit. Dort lebte Familie Grünbaum über 15 Jahre lang im Eckhaus Agricola-/Solinger Straße (die Anschrift war bis etwa 1933 Agricolastraße 21, anschließend Solinger Straße 10).

1923 übernahm Georg Grünbaum zusammen mit seinem Bruder Max die Firma Wilhelm Reschke, einen Großhandel für Kurz-, Textil- und Spielwaren in der Neuen Friedrichstraße 71 (heute ein Abschnitt der Rochstraße) in Berlin-Mitte. Einige Zeit später kamen Siegfried Gutkind und Simcho Maß als Teilhaber hinzu, später trat noch Gerhard Tonn (ein Neffe von Max Grünbaum) in das Geschäft ein.

Im Frühjahr 1933 wurden die Teilhaber der Firma, die alle jüdisch waren, von SA-Männern in einen Keller verschleppt und mit Gummiknüppeln zusammengeschlagen. Nur Georg Grünbaum entging dem Angriff, weil er zufällig verreist war. Seine Kinder verließen in den Folgejahren das nationalsozialistische Deutschland. 1934 ging die Tochter Liselotte mit ihrem Mann, dem Arzt Dr. Erich Koplowitz, nach Spanien. Zwei Jahre später emigrierte der damals noch nicht volljährige Sohn Herbert in die Schweiz.

Anfang Mai 1936 zog Georg Grünbaum mit seiner Frau nach Charlottenburg in die Gustloffstraße 51 (heute Dernburgstraße). Im folgenden Jahr wurde er verhaftet mit der Begründung, ihm gehörende Wertpapiere seien im Ausland festgestellt worden und er habe sich der Devisenschiebung schuldig gemacht. Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen und entlastenden Beweismaterials wurde er mehrere Tage festgehalten, ohne dass ihm erlaubt wurde, seiner Frau eine Nachricht zukommen zu lassen. Während des Novemberpogroms 1938 und in den darauffolgenden Wochen lebte Georg Grünbaum in der ständigen Angst vor einer Verhaftung. Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, versteckte er sich auf der einen halben Stock tiefer gelegenen Toilette auf der Hintertreppe. Ebenfalls im November 1938 wurde seine Firma „arisiert“. Georg Grünbaum und die übrigen Teilhaber waren gezwungen, das Geschäft für 20.000 Reichsmark – lediglich etwa 20 Prozent des tatsächlichen Werts – zu verkaufen. Nach dem Zwangsverkauf war Georg Grünbaum seiner Frau zufolge ein gebrochener, stets kranker Mann. Nach jahrelangen Bemühungen um die nötigen Papiere gelang es dem Ehepaar Grünbaum im Januar 1941, der Tochter nach Spanien zu folgen.

Zwei Geschwister von Georg Grünbaum wurden in der Shoah ermordet, darunter sein Bruder Max, der 1942 deportiert wurde. Die übrigen ehemaligen Teilhaber der Firma Reschke überlebten, sie emigrierten nach Palästina bzw. Australien.

In Spanien verbrachte Georg Grünbaum seine letzten Lebensjahre schwerkrank und an ständigen Angstzuständen leidend. Anfangs lebte er mit seiner Frau im Haus der Tochter, im Mai 1944 bezogen sie eine eigene Wohnung. Am 10. Januar 1946 starb Georg Grünbaum im Alter von 74 Jahren in Madrid.


Aufgrund neuer Erkenntnisse konnte festgestellt werden, dass die Solinger Str. 10 nicht der letzte frei gewählte Wohnort von Georg Grünbaum war.

Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

Kauperts, Straßenführer durch Berlin;
Landesarchiv Berlin/Beuth-Hochschule, histomapberlin.de