Berthold Cohen

Verlegeort
Dortmunder Straße 13
Bezirk/Ortsteil
Moabit
Verlegedatum
20. Mai 2014
Geboren
28. Februar 1880 in Soest
Deportation
am 28. März 1942 nach Piaski
Ermordet

Berthold Cohen wurde am 28. Februar 1880 in der Hansestadt Soest in Westfalen geboren. Er war der Sohn von Bernhard Cohen (1844–1925) und Berta Cohen, geborene Beer (1847–1910). Sein Vater war Kaufmann und hatte in Soest ein Möbel- und Speditionsunternehmen gegründet, das Berthold Cohen nach einer kaufmännischen Lehre übernehmen und ausbauen sollte. Berthold wuchs im Kreis mehrerer Geschwister auf: Aus der ersten Ehe seines Vaters mit Betty Cohen, geborene Beer (1851–1877), stammten seine Halbgeschwister Bertha, Amalie „Malchen“ Mally und Julius Cohen. Ein weiterer Halbbruder namens Hermann starb 1877 kurz nach seiner Geburt. Im selben Jahr verstarb auch Betty Cohen im Kindbett und Bernhard Cohen heiratete zwei Jahre später deren jüngere Schwester Berta. Nach der Geburt von Berthold bekamen Betty und Berthold Cohen noch einen Sohn, den 1881 geborenen Max. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Berthold Cohen und seinen Geschwistern im Soest der Kaiserzeit haben sich leider so gut wie keine Quellen erhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörten seine Eltern aber zur relativ kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt, zu der zum Zeitpunkt der Geburt von Berthold 326 der rund 13.000 Einwohner zählten. Nach späteren Berichten seines Sohnes besuchte Berthold in Soest eine höhere Schule und trat nach dem Abschluss sofort in die elterliche Speditionsfirma „B. Cohen“ ein, die er übernahm und Anfang des 20. Jahrhunderts modernisierte und ausbaute – mit eigenem Fuhrpark und Garage, eigener Tischlerei und bis zu zehn angestellten Facharbeitern.

Am 6. August 1909 heiratete Berthold Cohen die aus dem sauerländischen Hachen (heute eingemeindet in Sundern) stammende Else Stern (*1886). Das Ehepaar bekam in den Vorkriegsjahren 1910 und 1913 mit Lotte und Anni zwei Töchter, die in Soest geboren wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte im November 1919 ein Sohn namens Georg. Über die Verhältnisse seiner Familie in den 1920er-Jahren berichtete Georg später: „Wir lebten auf einem hohen Lebensstandard. Mein Vater besaß zwei nebeneinanderliegende Häuser in Soest, Jacobistraße Nr. 27. Das ältere frühere Wohnhaus baute mein Vater als Lager- und Geschäftshaus um, das neue erbaute er selbst mit Tischlerei und Garage im Erdgeschoß. Wir hatten Telefon [und] machten regelmäßig Erholungsreisen. Meine Eltern auch ins Ausland.“ Mit Berthold und Else Cohen und deren Kindern lebten in den beiden Häusern in der Jacobistraße nach dem Tod von Bertholds Eltern noch dessen Halbschwestern Rosa und Amalie, die Berthold mitunterhielt. Sein Bruder Max war nach der Jahrhundertwende als Kaufmann nach Mexiko gegangen, wo er ein Ladengeschäft eröffnete. Seine Halbschwester Bertha heiratete den Schneider Salomon Rosenthal und lebte mit ihm in Herten im Ruhrgebiet und später in Dortmund. Im Soest der Weimarer Republik zählten die Cohens zur gutbürgerlichen Mittelschicht. Sie waren außerdem bis 1933 Mitglied des Deutschen Internationalen Transports- und Speditionsverbandes. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie zu dieser Zeit geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Berthold Cohen und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Berthold Cohen wurde auch als Geschäftsinhaber in Soest zum Ziel von antisemitischen Anfeindungen, Boykotten und Ausschreitungen. Bereits im Frühjahr 1933 initiierten die Nationalsozialisten erste Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte in Soest, wobei, wie der „Soester Anzeiger“ berichtete, „SA-Leute vor einigen Warenhäusern und Kaufhäusern postiert“ wurden. Ende März 1933 schickte der Kreispropagandaleiter der NSDAP erneut SA- und SS-Gruppen zu jüdischen Geschäften in Soest und der Soester Anzeiger vom 31. März 1933 listete eine Vielzahl an Betrieben und Geschäften auf, die daraufhin schlossen, darunter auch das Geschäft Cohen. Bertholds Sohn Georg berichtete über die Situation später: „Infolge des Boykotts am 1. April 1933 hörte das Geschäft sofort auf. Mein Vater sah sich deswegen nach einer anderen Beschäftigung um und meine Eltern übersiedelten im Jahre 1934 nach Berlin, wo mein Vater als Leiter der Möbeltransport-Abteilung bei der Firma Brasch & Rothenstein angestellt wurde.“

Im März 1935 wurde Berthold Cohens Betrieb in Soest eingestellt und 1937 aus dem Handelsregister gelöscht, aber er konnte einen Teil seines Fuhrparks retten und mit Zugmaschinen, Möbelwagen und Anhänger in Berlin zeitweise als eigenständiger Teilhaber der Berliner Spedition „Brasch & Rothenstein“ arbeiten. In Berlin nahmen sich Berthold und Else Cohen eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung in der Dortmunder Straße 13 in Moabit. In den 1930er-Jahren konnten alle drei Kinder des Ehepaares in das britische Mandatsgebiet Palästina flüchten: Anni Cohen heiratete 1935 und emigrierte im selben Jahr mit ihrem Mann nach Palästina. Lotte Cohen verlor 1936 ihre damalige Anstellung in Köln und wurde in ihrer Heimatstadt Soest von einem SA-Mann physisch attackiert, wovon sie bleibende körperliche Schäden davontrug. Sie lebte noch eine Zeitlang in Berlin, bevor sie nach Palästina emigrierte. Georg Cohen absolvierte zwischen 1934 und 1937 eine landwirtschaftliche Ausbildung in einer Gartenbauschule in Ahlen, bevor er sich Anfang 1939 ebenfalls nach Palästina retten konnte. Ob auch Berthold und Else Cohen Pläne verfolgten, Deutschland zu verlassen, geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor. Sollten sie konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese. Ende 1938 wurde Berthold Cohen aus seiner Anstellung bei „Brasch & Rothenstein“ infolge der sogenannten „ Arisierung “ des Unternehmens entlassen. Er übte zuletzt noch eine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Reichsvereinigung der Juden in der Kantstraße aus. Spätestens Ende der 1930er- / Anfang der 1940er-Jahre wurde das Leben für das Ehepaar Cohen in Berlin zum Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „ Judenstern “ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation : Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdische Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Anfang 1941 waren Berthold und Else Cohen gezwungen ihre Berliner Wohnung in der Dortmunder Straße 13 zu verlassen. Sie fanden eine Unterkunft als Untermieter bei Rosa Levy in der Geisbergerstraße 33 in Schöneberg, wo sie gemeinsam ein Zimmer bewohnten. Im Frühjahr 1942 erhielten sie den Deportationsbescheid. Sie wurden in einem der Berliner Sammellager interniert und von dort aus am 28. März 1942 mit dem „11. Osttransport“ in das Lager Piaski deportiert. Sie gehörten nicht zu den wenigen Überlebenden dieser Transporte und wurden vermutlich im Vernichtungslager Belzec ermordet. Zum Zeitpunkt der Deportation war Berthold Cohen 62 Jahre und Else Cohen 55 Jahre alt.

Bertholds Kinder, (Georg) Arie Cohen, Anni Cohen, verheiratete Lichtenfeld und Lotte Cohen, verheiratete Kraus, überlebten die NS-Verfolgung im Exil in Palästina. Sein Bruder Max Cohen lebte mit seiner Familie bis zu seinem Tod in Mexiko. Bertholds Halbschwestern Rosa und Amalie Mally Cohen wurden zusammen am 29. Juli 1942 aus Dortmund in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Von dort aus wurden sie am 23. September 1942 weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Bertholds Halbschwester Bertha Cohen, verheiratete Rosenthal, wurde am 29. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 18. November 1942 ermordet – infolge direkter oder indirekter Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen. Das Schicksal von Bertholds Halbbruder Julius Cohen geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor.